Hincmar von Rheims. Prudentius von Troyes. 343
bezeichnet. Dann erst bringt er zur Beurteilung des jetzigen Falles eineMenge von Stellen aus den Schriften und Briefen der Väter und aus denHeiligenleben. 1 ) Doch zeichnet sich diese Schrift vor vielen andern dadurchaus, daß Hincmar hier mehr als sonst selbst zu Worte kommt und seinemWerke ein etwas persönliches Gepräge verleiht.
Hieran sind zwei weitere politische Denkschriften anzuschließen, diedeutlich erkennen lassen, welche starke Stütze Hincmars politische Einsichtfür den westfränkischen Thron nach dem Tode Karls des Kahlen gewesen ist.
In der ersten wendet sich Hincmar im November 877 an den neuenKönig, Ludwig den Stammler, der ihn sogleich gebeten hatte, zu ihm zueilen, um mit ihm das Wohl des Reiches zu beraten. Er beginnt seineSchrift mit einem Rückblick auf den ungestörten Regierungswechsel beiPippins und bei Karls des Großen Tode und auf die Verwirrung des Reichesbeim Tode Ludwigs des Frommen und Lothars IL Er bittet daher denKönig die Nutzanwendung aus diesen geschichtlichen Verhältnissen für dieGegenwart zu ziehen und keine Parteiungen der Großen aufkommen zulassen, sondern alle Großen des Reiches zu einer Versammlung zu bescheiden,um hier mit ihnen über das Wohl des Reiches zu beraten; er selbst werdetrotz körperlicher Schwäche gern zu diesem Reichstage kommen. Zugleichgibt er dem jungen Könige die Grundlinien für die künftigen Beratungenauf der Reichsversammlung an. Diese erstrecken sich nicht nur auf dieStellung des Königtums und der Kirche, sowie auf Herstellung des innerenund äußeren Friedens, sondern betonen auch die Herstellung guter Be-ziehungen mit den ostfränkischen Königen. Den Schluß dieses geschicht-lich wichtigen Schreibens bilden ernste Ermahnungen persönlicher Art anden König und die Wiederholung des Versprechens, diesem mit Rat undTat auf dem Reichstag zur Seite zu stehen.
Als dann König Ludwig 879 nach kurzer Regierung gestorben warund schon drei Jahre später sein ältester Sohn Ludwig tödlich verunglücktwar, wurde Hincmar von tüchtigen und wohlmeinenden Männern auf-gefordert, für die Regierung des königlichen Kindes Karlmann ein Programmaufzustellen, um die Einheit des Reiches zu wahren und das unglücklicheWestfranken vor äußern Feinden zu schützen. Der greise Erzbischof, derin unerschütterlicher Treue an seinem Fürstenhaus hing und auch stetsfür eine gewisse Einheit des Gesamtreiches eingetreten war, kam demWunsche ungesäumt nach, da er, wie er im Eingang seiner Schrift Adproceres regni pro institutione Carlomanni regis et de ordine palatii sagt,die großen Zeiten des Reiches erlebt, die 'Staatsmänner der früherenRegierungen gekannt und nach Kaiser Ludwigs Tode selbst Anteil an derPolitik genommen habe. Der Anfang des Werkchens ist durchaus biblischgehalten und bezieht sich auf den geistlichen Stand und seine Gliederung.Wie dieser durch Gesetze gehalten werde, so sei auch der König, der dieKirche schützen müsse, und der Staat durch Gesetze gebunden. Der König
') Hieran reihen sich c. 14. 23 die Hist.tripartita (969 B. 974 B) und c. 20 die Dialogedes Sulpicius Severus (972 D. 973 AB). Auch
Paulins Leben des Ambrosius wird benutzt,vgl. 24 col. 974 D und 32 col. 978 C.