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Geschichte der lateinischen Literatur des Mittelalters. Erster Teil.
übersandt hatte. Zum Lesen dieser Schriften ist aber Hildvin nicht ge-kommen, und ihre Lektüre war wohl überhaupt vor der Zeit des JohannesScottus unmöglich, da hierzu andre Kenntnisse im Griechischen erforderlichwaren, als sie die Hoftheologen besaßen. Jetzt ersah aber Karl die Möglich-keit der Übersetzung, die wohl als eine Art Ehrenpflicht gegenüber derVergangenheit und dem Kloster St. Denis angesehen wurde. Johannes führtin seiner Widmung an Karl 1 ) zunächst die Persönlichkeit des Dionysiusein und trägt dessen Erwähnungen in der altchristlichen Literatur zusammen.Allerdings ist er von der Identität des Areopagiten und des Pariser Mär-tyrers nicht so recht überzeugt, 2 ) trotzdem Hildvin in einem seiner Schriftangehängten Briefe an die ganze Christenheit die Gleichheit beider alszweifellos hingestellt hatte. 3 ) Von der Treue in der Wiedergabe bemerktJohannes, daß er der Übersetzer und nicht der Erklärer des Werkes sei,und daß jeder, der sich überzeugen wolle, das griechische Original selbsteinsehen möge; im weiteren Verlaufe der Widmung bespricht er kurz denInhalt und die Bedeutung der vier Bücher des Werkes. Die Widmung istzwischen zwei Gedichte gestellt, deren erstes sich mit Ehrfurcht und zu-gleich mit Selbstbewußtsein an den König wendet; das zweite berichtetdie Bekehrung des Areopagiten und seine spätere Tätigkeit. Die Über-setzung selbst ist nicht leicht lesbar, 4 ) da zu der tiefsinnigen Spekulationdes griechischen Verfassers das dem Griechischen ziemlich mühsam nach-gebildete Latein des Übersetzers kommt, das sich nicht nur durch auffälliglange Wortbildungen, sondern auch durch die Herübernahme einer Mengegriechischer Wörter und Ausdrücke auszeichnet. Die Übersetzung diesesWerkes war aber wohl dem Johannes deshalb besonders wertvoll, weil derunbekannte Autor des Originals die neuplatonischen Auffassungen mit derchristlichen Symbolik verbunden hatte. Das brachte ihm freilich bald genugAnfeindung. Papst Nicolaus L, der erste große Hierarch auf dem päpst-lichen Throne, beschwerte sich bei König Karl, daß ihm dieses Werk einesIren Johannes gegen Gewohnheit nicht nach Rom geschickt worden sei;er verlange vom König, daß ihm das Werk sofort übersendet werde, 6 )zumal der Verfasser, obwohl angeblich von großem Wissen, früher aufAbwege geraten sei. Das Urteil von Rom fiel bescheiden genug aus, Nach-teile hat es dem Johannes kaum gebracht. Wohl aber entschloß sich dieser,zu seiner Übersetzung Erklärungen zu geben, da sie doch Interesse hervor-rief, wie sich aus der Anzahl der Handschriften und alter Aufschriftenergibt. Der Kommentar ist ziemlich weitschichtig angelegt und geht be-sonders auf die Erklärung schwieriger Worte aus; namentlich werden diegriechischen Ausdrücke erklärt und die durch das griechische Original
>) MG. Ep. 6, 159, 6-15.
2 ) Ep. 6, 159, 15 Hüne eunclem asseruntquantum vita eins . . . testatur, temporibuspapae Clementis .. . Somam venisse et ab eo ...in partes Galliarum directum futsse etParisiimartirum gloria coronatum fuisse.
3 ) Daß die Schriften nicht dem Areopa-giten Dionysius gehören, steht fest, s. Bar-denhewer, Patrologie S. 293ff.
4 ) Siehe hierüber den bei Huber S. 54n. 1 abgedruckten Brief des Anastasius Bi-bliothecarius, der das allzu wörtliche Ueber-setzen angreift (= Migne 129, 739 ff.).
6 ) Aber nicht, wie in der interpoliertenFassung des Briefes zu lesen ist (Traube,PL. 3, 519 n. 5), daß Johannes nach Bornkommen und vom Hofe entfernt werden solle.