274 Geschichte der lateinischen Literatur des Mittelalters. Erster Teil.
ausging, wohl zu würdigen, denn er verlieh ihm die beiden Abteien Ferneresund St. Lupus zu Troyes, denen er 796 als bedeutendstes Geschenk dieAbtei St. Martin in Tours hinzufügte. Damals war Alchvine freilich längstüber seine frühere Stellung hinausgewachsen. Denn erstens hatte sichKarl und seine Familie persönlich an den verehrten Lehrer eng an-geschlossen und ihm eine nicht geringe Rolle in der Hofakademie zu-kommen lassen, und zweitens war Alchvine allmählich zum obersten Beraterdes Königs in der Wissenschaft, in der Schule und in der Kirche empor-gestiegen, ohne dessen Rat selten eine wichtige Maßregel durchgeführtwurde; nur in politischen Dingen, von denen der Gelehrte nichts verstand,wurde sein Rat nicht eingeholt. Sonst aber waren der König und seingeistlicher Minister einig in der Überzeugung, daß den Franken und allenvoran dem fränkischen Klerus die Zuführung höherer Bildung unbedingtnotwendig sei, und hieran ist Alchvine unablässig tätig gewesen, sowohlam Hofe, wie später im Kloster. Denn die letzten drei Jahre seines Lebensbrachte er in seiner Abtei in Tours zu, wo ganz im Sinne Karls die schonbegonnene fränkische Minuskel den Mönchen beigebracht wurde und Alchvineeine überaus bedeutsame Schreiberschule begründete. In seinem höherenAlter aber scheint er zuweilen Gewissensbisse über seine frühere Be-schäftigung mit der profanen Literatur gehabt zu haben, die uns übrigens,wenn man von der Abfassung von Lehrbüchern absieht, die er mehrfachin Gesprächsform verfaßte, nicht eben besonders ausgebreitet erscheinenwill, namentlich wenn man sie mit der Aldhelms und Bedas vergleicht.Eine besondere Vorliebe zeigt er für Vergil; Ovid, Lucan und Horaz kennter aber nur aus zweiter Hand, Statius führt er nirgends an. Dagegensind ihm die christlichen Dichter geläufiger und außerdem besitzt er Kennt-nisse in der älteren grammatischen Literatur, während seine Erfahrenheitin der sonstigen antiken Prosa ziemlich gering ist. Vielleicht prägt sichauch in dem vergleichsweise seltenen Anführen der alten Autoren einegewisse Bescheidenheit aus. Diese offenbart sich eigentlich auch in seinemStil, denn seine Schreibweise ist zwar nicht fehlerfrei, aber klar und deut-lich und ohne den außerordentlichen Schwulst, den Iren und Angelsachsenfrüher so geliebt hatten, sie vergleicht sich darin mit der Bedas. In seinenSchriften war Alchvine besonders bezüglich des Stoffes wenig selbständig,er wählte aus älteren Werken aus und stellte zusammen nach dem Bedarfseiner Zeit; vielleicht ist manches seiner Werke auf Grund vorhergehenderDurchsprechung mit seinen Schülern entstanden. Die Schriften der Kirchen-väter verwendete er ohne Kritik, indem sie ihm die wahre Rechtgläubig-keit verkündeten. Durch theologische wie durch seine ins Gebiet derfreien Künste schlagenden Schriften hat Alchvine einen großen Einflußauf seine Zeit ausgeübt, freilich hat er als Schriftsteller ein ähnlichesSchicksal gehabt wie Aldhelm. Denn noch zu seinen Lebzeiten wuchsein Mann heran und wurde sogar sein Schüler, dessen Bedeutung dieseinige fast überragen sollte, Hrabanus Maurus. Am 19. Mai 804 istAlchvine in Tours gestorben, seine Grabschrift hat er sich selbst ge-dichtet und hat auch in ihr den Lehrer offenbart, der er sein ganzes Lebengewesen ist.