272 Geschichte der lateinischen Literatur des Mittelalters, Erster Teil.
Donati quam Paulus rliac. exposuit und mit dieser Überschrift nach derHs. zuerst gedruckt worden ist von Ambr. Amelli, Montecassino 1899. DieEchtheit wird schon durch die Identität der Lorscher Aufschrift mit demPalatinus verbürgt, s. ed. Amelli p. XI f.; freilich ist die dort behaupteteBekanntschaft mit Festus durch das Wort manceps kaum zu erweisen undauch die p. XIII gegebenen Anklänge an das Werk des Petrus dürften zugeringfügig sein. Der Kommentar des Paulus geht besonders darauf aus,praktische Unterweisungen zu geben, die für das Erlernen der Sprachedienen sollten. Er schließt sich hierbei an die Forderungen der Gegen-wart an. Indem er nämlich p. 3 — 11 (ed. Amelli) sehr ausführlich bei derDeklination verweilt, bietet er namentlich aus Priscian, aber auch ausCharisius und Diomedes sowie aus der eigentlichen Schulpraxis genommeneErweiterungen zu Donat, die dem grammatischen Verständnis der Dichtereinerseits 1 ) und der Bibel wie der Kirchenväter 2 ) andrerseits zu Hilfekommen sollten. Hierbei wird auch auf Griechisches Bezug genommen,aber doch nur insoweit als Lehnwörter in Betracht kommen. 3 ) Ebenfallsder Schulpraxis entgegen kommt die durchgeführte Deklination der Pro-nomina p. 13 — 16 und die Konjugation von amo und doceo p. 18—24, sowiedie Vorführung unpersönlicher Verben p. 24 f. Alles übrige wird kurz ab-getan und nur zufällig durch einige Worte erläutert; so entfallen auf Nomen,Pronomen und Verbum fast 25 Seiten, während die übrigen fünf Redeteilesich mit fünf Seiten begnügen müssen. Jedenfalls sind die Zusätze desPaulus zu Donat wissenschaftlich unbedeutend und man würde aus demWerke eher auf einen Lehrer als auf einen Gelehrten schließen: Aus derSchulpraxis ist diese Grammatik hervorgegangen und für sie ist sie auchbestimmt worden. — Daß das Werk an Karl gerichtet war, bezeugt diealte Lorscher Aufschrift; woher wußte das aber der Verfasser des Katalogs,da sich heute in der Hs. keine Notiz davon findet (vgl. die Tafel bei Amellivon Palat. 1746 f. 27a) und auch jedenfalls früher nicht fand? Da außerdemder Inhalt des Palat. sich keineswegs mit Lorsch s. IX (B. 37, 417) deckt,so muß er von dieser alten Hs. verschieden sein, d. h. es gab in Lorschzwei große Corpora der späten Grammatiker, die einander ähnlich, aberim einzelnen verschieden waren. Vielleicht gibt der Druck von Vat. Pal.57 f. 1—7 (s. Gottlieb, Ueber mittelalterliche Bibliotheken N. 110 S. 49)hierüber Aufschluß. Der Mangel im Palat. 1746 wird noch vergrößert durchdas Fehlen eines Dedikationsgedichts, das Paulus doch sicher an den Königmitgeschickt hat und das in der andern Lorscher Hs. jedenfalls vor derGrammatik stand.
') Vgl. p. 4, 24. 5, 19 f. 32—38. 7, 4 ff. j Clemensbriefe, es konnte dem Paulus aber20 f. 33 ff. I auch durch ein Glossar bekannt sein, s. Corp.
2 ) Vgl. p. 4, 33 f. 5,1 f. 11 f. 30 f. 6,1 ff.7,7. 9 ff. 25 ff. 8, 12. 21. 9, 17 ff.
3 ) Merkwürdig ist dabei z. B. p. 9, 24 ff.der Singular rinoceros, Plural renocerotes. —prweta p. 3, 32 ist proreta; das Wort findetsich in den Digesten und bei Rufin in einem
gloss. lat. 7, 147, wo es häufig verzeichnetwird; p. 3, 33 cornula ist vielleicht carnula.Selten sind p. 5, 19 fluvicola, 20 monticola,selvicöla (?), sepicola (Suffix falsch aufgefaßt),sebit/enaC? sepigenal).