Einleitung zum zweiten Buche. 255
dessen Fürstenspiegel, dessen musivische Zusammensetzung die Wert-schätzung und das Fortleben der alten Literatur deutlich erkennen läßt.Ganz das gleiche gilt von der Dichtung der karolingischen Zeit. Ge-rade hier war aber schon seit dem Ende des 8. Jahrhunderts eine Änderunginsofern eingetreten, als die eigentlich mittelalterliche Dichtung damalsbeginnt. Galt es nämlich, den Inhalt der Dichtung der gewohnten Formüberzuordnen, so daß das persönliche Leben und Wesen des Dichters inden Vordergrund trat, so verwarf man die metrischen Formen der Ver-gangenheit und lehnte sich an die aus dem religiösen Liede schon bekanntenRhythmen an. Und da hier jambischer oder trochäischer Rhythmus inkürzeren oder längeren Versen mit verschiedenartiger Strophenbildungmöglich war, so kam die mittelalterliche Dichtung zu einem ungemeingroßen Formenreichtum. Auf der andern Seite hat die Befruchtung derchristlichen Gedankenwelt mit dem aus dem Altertum überkommenenWissen und die gegenseitige Durchdringung dieser Elemente das Substratgeliefert, auf dem sich die eigentliche Literatur des Mittelalters aufbaute.Und in gleicher Weise hat die Verbindung der Bibel- und Kirchenväter-sprache mit provinziellen, volkstümlichen Elementen und dem Sprachgute,das man in der Schule dem Altertum ablauschte, zu einer für längere Zeitziemlich feststehenden Sprache geführt, in der der mittelalterliche Schrift-steller und Dichter schrieb. Dabei muß allerdings für die früheren Jahr-hunderte eine mehr oder minder große, unmittelbare Anlehnung an alteVorbilder in Rechnung gebracht werden, die oft mit einer gewissen Kunstversteckt wird, oft aber sichtbar zutage liegt. Solche Vorbilder werdenaber schon häufig in der Schule den jungen Klerikern nahegelegt, indemdie Lehrer ihre Diktate zuweilen an die ihnen erreichbaren Klassiker (oderauch Patres) anschlössen, nachdem sie für ihre Diktate Florilegien (mittel-alterlich Flores) aus diesen ausgezogen hatten. Solche Florilegien hattenaber nicht nur für ihre Entstehungszeit, sondern haben auch oft für dieGeschichte der Wissenschaft Wert, indem sie die Überlieferungsge'schichtemancher Autoren aufzuhellen imstande sind. x ) Freilich schreibt eine Flores-sammlung häufig andere aus, wie z. B. die Exempla diversorum auctorum unddas prosodische Werk Micons auf einem älteren langobardischen Florilegberuhen. Doch die Wichtigkeit solcher Exzerpte oder Flores erkennt mandaraus, daß die größte und bedeutendste enzyklopädische Kompilation, diedas Mittelalter besessen hat, nämlich die Specula des Vincenz von Beauvaisgroßenteils auf solchen Sammlungen beruhen. Denn man hat ebenso Floresaus den Kirchenvätern, wie aus den Prosaikern des Altertums und aus denalten Dichtern ausgezogen. Wird mit den Sammlungen eine bestimmtemoralische Tendenz verbunden, so nennen sie sich häufig Sententiae,während die Verse dann meist zu Proverbia zusammengestellt werden,und mehrere dieser Proverbiasammlungen sind von einem sehr bedeutendenstofflichen Interesse. 2 ) Außerdem aber dienten den mittelalterlichen Schrift-
') Wie Paris. 7647 und 17903, die wegen | 2 ) Wie z. B. aus späterejr Zeit das Flori-
ihrer Tibull- und Calpurniusauszüge Werthaben, oder Monac. 6292 ebenfalls wegen derTibullexzerpte.
legium Gottingense und die Flores auctorumim Berol. Diez. B. Sauten. 60.