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Geschichte der lateinischen Literatur des Mittelalters. Erster Teil.
machen, denn Sachsen war als jüngster in die großen Stämme Ostfrankenseingetreten. Schwaben mit St. Gallen, Eeichenau und Augsburg, Bayernmit Regensburg, Lothringen mit Lüttich und Utrecht behaupteten ihr altesÜbergewicht, namentlich seitdem in Sachsen ein dort wenig beliebter Importvon Griechentum durch Theophano erfolgt war. Und als es dann zur Stiftungdes Bistums von Bamberg kam, das durch die bedeutenden Mittel Heinrichs II.überaus reich ausgestattet wurde, entstand hier in Pranken ein großesgeistiges Zentrum, das literarisch bald hervorragte.
Mit dem neuen Kaisertum der Ottonen war auch Italien wieder zugrößerer Bedeutung gelangt und Männer wie Bather von Verona undLiutprand von Cremona glänzten durch ihre große Belesenheit in denSchriften des Altertums; aber das sind doch mehr einzelne Fälle und Ratherwar außerdem deutscher Abkunft. 1 ) Italien kommt für das 10. Jahrhundertnur wenig in Betracht, außer daß dort das Studium der Grammatik und derRechtswissenschaft sich erhielt. Tonangebend für die literarische Produktionblieben nach wie vor die westdeutschen und die ostfranzösischen Gebiete,wo Gerbert in hohem Maße hervorragte, der in Bezug auf wissenschaft-lichen Sinn und wissenschaftliche Erkenntnis, sowie durch seine Kenntnissein der alten Literatur einzigartig dasteht. So hat das 10. Jahrhundert inmancher Beziehung den Vergleich mit der karolingischen Zeit nicht zuscheuen, aber es zehrte im allgemeinen doch nur von den Schätzen, diedas 9. Jahrhundert angehäuft hatte, und zu einer so merkwürdig glänzendenliterarischen Entwicklung ist es nicht mehr gekommen wie dieses.
Freilich führen jetzt schon Wege zu den neuen Bahnen, die die eigent-lich mittelalterliche Literatur einschlug. Man hatte sich bisher an der Ver-einigung antiker Ideen und Formen mit dem Christentum genügen lassen.Die Formensprache war doch im ganzen die alte geblieben, sie stand baldhöher und bald niedriger, je nach der grammatischen Schulung des Schrift-stellers. Durch manche handschriftlichen Urkunden ist uns sogar ein ziem-lich genauer Einblick in die Werkstätte der älteren wissenschaftlichenSchule gestattet. So gibt z. B. Paris. 2796 einen deutlichen Begriff vonkarolingischer Schulbildung, da die Handschrift teilweise Nachschrifteneines Schülers aus den Jahren 813—815 enthält. In bunter Reihenfolgewechseln hier Stücke miteinander ab, die sich auf die Bibel, die Liturgie,das kanonische Recht, den Computus, die Arithmetik, Philosophie undGrammatik beziehen; außerdem finden sich Formeln für Briefe und medi-zinische Rezepte. Manches ist in der von Alchvine eingeführten dialogischenForm geschrieben, so über die Buchstaben, die Lebensalter des Menschen,über den Namen des Erfinders der Buchstaben, den Namen des ältestenArztes, das Alter Abrahams, die Zahl der Provinzen, der Sprachen undder Schlangen. Am Schlüsse steht ein Abschnitt über die Tierstimmenund ein Brief über die Taufe an den Kaiser. 2 ) Wichtig sind in dieserBeziehung die Diktate Heirics und das Kollektaneum des Sedulius, auch
') Rather und Gerbeit wie auch der ihnenan Bildung kaum nachstehende Abbo vonFleury werden aber erst im folgenden Buche
behandelt werden.
2 ) Vgl. hierzu D e 1 i s 1 e, Le cab. des mscr.3, 244.