Einleitung zum zweiten Buche. 253
Was diese Begünstigung der Wissenschaften durch einen gebildeten Hofzu bedeuten hatte, sieht man am besten aus dem jähen Verfall, der baldnach Karls des Kahlen Tode eintrat. Die große Verwirrung, in die dasKeich unter seinen unbedeutenden Nachfolgern durch die unaufhörlichenNormanneneinfälle gestürzt wurde, ließ das Interesse an der Literatur undan den Studien verkümmern. Geistige Regsamkeit gewahrt man für längereZeit fast nur noch in den großen Stiftungen, unter denen sich hauptsächlichFleury heraushebt, das zu der für lange Zeit hochbedeutenden Sphäre vonOrleans gehört; ebenso Rheims, das, beinahe zur Hauptstadt von Frankreichgeworden, nicht wenige unter den höher veranlagten Geistern in seinenBereich zog.
In Italien war der Verfall damals längst eingetreten, der hier um sotiefer war, als man seit Gregors I. Zeit in Rom den eigentlichen Wissen-schaften mit Verachtung begegnete. Hier galt es, die Herrschaft über denErdkreis zu gewinnen, und es waren vorwiegend praktische Ziele, die manverfolgte; um literarische Dinge kümmerte man sich nicht viel. Außerdemdrangen im Süden der Halbinsel die Sarazenen siegreich vor und bedrohtendie christliche Kultur mit dem Untergang. Bei den Iren und Angelsachsenblieb zunächst die alte Vorliebe für den Kontinent bestehen, bis später dieVerhältnisse hier eine festere Gestalt gewannen und die Mission nach demSüden und Osten unnötig wurde. Aber die Verbindung der alten Schotten-klöster im Frankenreiche mit der Heimat löste sich doch nicht so schnell,und noch im 11. Jahrhundert finden wir insulare Einwanderung nach Deutsch-land. 1 ) In England finden wir am Schluß des 9. Jahrhunderts ähnlicheVerhältnisse, wie früher im Frankenreiche, nämlich einen König, der,selbst tätig in Wissenschaft und Literatur, sich an die Spitze der geistigenBewegung in seinem Reiche stellt und sogar die Literatur in nationaleBahnen leitet: Alfred der Große kann für lange Zeit als das Muster einesFürsten überhaupt gelten.
Nach dem Absterben der Karolinger in Ostfranken trat durch denLiudolfinger Heinrich 1. der sächsische Stamm an die Spitze dieses Reiches.Schon Karl der Große hatte in Sachsen durch seine kirchenfreundlichePolitik die ersten Keime zu einer kräftigen Entwicklung legen können, dieZusammenfassung des Landes unter einem Erzbistum in Hamburg istallerdings erst unter Kaiser Ludwig erfolgt. Während aber dies Erzstiftan der äußersten Grenze bald wieder verfiel und mit Bremen vereinigtwerden mußte, hatten sich in Sachsen selbst einige Klöster zu hoher Blüteaufgeschwungen, die auch im 10. Jahrhundert Mittelpunkte der Literaturblieben; denn in Korvei schrieb Widukind seine Sächsischen Geschichtenund in Gandersheim verfaßte die Nonne Hrotsvit ihre Gedichte zum Preisedes ottonischen Hauses und ihre Dramen. Wohl begünstigten die Ottonendie Literatur in namhafter Weise, die Verehrung, deren sich Gerbert vonseiten Ottos III. erfreute, war dafür ein deutlicher Beweis, aber sie konntenihren Hof nicht mehr in solcher Weise zum Mittelpunkt des Schrifttums
gleichen die ältere Sammlung Lorsch s. IX I a ) Siehe zu Marianus (in Fulda und Mainz)
(B. 37, 489 = 38, 108) und in Eeichenau s. IX und zu Muiredach (Gründer von St. Jakob zu(B. 10, 6). Regensburg) Wattenbach 2, 115 f. und 382.