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1 (1911) Von Justinian bis zur Mitte des zehnten Jahrhunderts : mit Index
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252 Geschichte der lateinischen Literatur des Mittelalters. Erster Teil.

reichlich hundert Jahre nachhielten. Und dies Jahrhundert nach Karl istfür die ganze Weiterentwicklung des höheren geistigen Lebens entscheidendgewesen. Soviel auch von der anfänglich kaum geahnten Blüte der Studienwieder einging, die geistige Erhebung des 9. Jahrhunderts wirkte nachund war durch nichts wieder auszutilgen, ein bleibender Gewinn für alleZeiten. Allerdings waren die Zeiten Ludwigs des Frommen und die folgendenJahrzehnte für die Wissenschaften weniger günstig. So klagt Walahfridangesichts der- mühsam errungenen Klassizität in Einharts Leben Karls,das er mit einem Vorworte versah, daß die Studien aufgehört hätten, 1 )und ein anderer Freund Einharts, der gelehrte Lupus von Ferrieres, derdas für jene Zeit einzige Wort aussprach, daß die Weisheit um ihrerselbst willen zu erstreben sei, 2 ) beklagt es, daß die, welche etwas lernenwollen, jetzt den andern zur Last fielen 3 ) und daß das Studium der Wissen-schaften jetzt fast brach liege.*) Und schon mußten die Bischöfe desReichs zu Worms 829 den Kaiser ernsthaft um die Errichtung von dreiöffentlichen Schulen bitten, damit das von seinem Vater gegebene Vorbildnicht ganz verschwinde. 5 ) Jedenfalls hörte unter Ludwig dem Frommender Hof auf, der begünstigende Mittelpunkt der strebenden Geister zu sein.Doch änderte sich das noch einmal in Westfranken unter Karl dem Kahlen.Denn während damals in Ostfranken Walahfrid und Hraban die hellstenLeuchten der Wissenschaft waren, sammelten sich hier um den gelehrtenAbt Lupus eine Menge bedeutender Schüler, unter denen Heiric besondershervorragte. Namentlich wurden, wie früher, die grammatischen Studiengepflegt und diese erhielten durch neuen Zuzug der Iren nicht geringeFörderung. Unter den Iren glänzten Sedulius und Johannes als die größtenVertreter weltlicher Wissenschaft; durch ihre Kenntnis der griechischenSprache erweiterten sie das Wissensgebiet ihrer Zeit, indem sie, besondersJohannes, die Philosophie in dessen Bereich zogen. Freilich stellte sichJohannes B ) damit in unmittelbaren Gegensatz zur herrschenden christlichenLehre, was allerdings auch schon früher Bischof Claudius von Turin undder furchtlose Mönch Godescalc zu gleicher Zeit in Ostfranken taten. Unterder Begünstigung jener Iren erblühte die lateinische Dichtung von neuem,ja es mischen sich in diese jetzt sogar griechische Verse und Gedichte,und es hat den Anschein, als ob sich die Studien, gemäß der von Lupusund Heiric eingeschlagenen Bahn, an der Hand der Iren jetzt noch zuweiterer Universalität und zu größerer Tiefe entwickelten als zur ZeitKarls des Großen. Der Kreis von Gelehrten, der Karl den Kahlen umgab,macht jedenfalls einen achtunggebietenden Eindruck; zu ihm gehörte, wennauch nicht unmittelbar, der Propst Manno von St. Oyan, der seinem Stifteeinige wertvolle Bücher schenkte 7 ) und Inschriften in Gallien sammelte. 8 )

*) Jaffa, Bibl. rer. Germ. 4, 507 Einlivita Karoli ed. Holder p. 29.

2 ) Lupi ep. 1 (MG. Ep. 6, 7, 32).

3 ) Lupi ep. 1 (MG. Ep. 6, 7).

4 ) Lupi ep. 34 (MG. Ep. 6, 42, 21)

6 ) Als Philolog trat in seine Spuren Re-migius von Auxerre.

7 ) Siehe Bibl. de l'ecole des chartes 50,304 ff.: außerdem Vat. reg. 213 und Paris.6601.

j Capit. reg. Franc. 2, 37 c. 24. Ueber , s ) Im Paris. 2832, schon genannt im alten

kirchliche Einflüsse s.Thegani vita Hludow.20 I Katalog von St. Oyan s. XI (Delisle, Le cab(MG. SS. 2, 595, 13 ff.). \ des mscr. 3. 386 N. 86). Damit ist zu ver-