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Geschichte der lateinischen Literatur des Mittelalters. Erster Teil.
aber glücklicherweise in den Stand gesetzt, aus der reichen Brief- undGedichtliteratur des ausgehenden 8. Jahrhunderts wichtige Züge der höherengeistigen Entwicklung Karls in seiner königlichen Zeit zu gewinnen.
Frühzeitig hat Karl erkannt, daß er zu einer höheren Geistesentwicklungim Frankenreiche ausländische Kräfte heranziehen mußte, denn trotz derReformen von Bonifaz befand sich der fränkische Klerus, soweit er nichtdurch irische oder angelsächsische Fremdlinge beeinflußt wurde, noch aufrecht tiefer Stufe. Es galt aber für ihn nicht nur den Zuzug der Irenund Angelsachsen ins Frankenreich zu vergrößern, sondern, da er seit 774auch König in Langobardien geworden war, gebildete Italiener in seinReich zu ziehen. Dazu aber besaß er ja die Mittel in hohem Grade nichtnur als König, sondern auch als Mensch. Vor allem nahm er die fastverfallene Gesetzgebung in Anspruch, außerdem die Gefügigkeit der Päpste,die unter ihm nicht viel mehr als Landesmetropolitane bedeuteten, undendlich wußte er mit seiner persönlichen Liebenswürdigkeit und durch seinenbedeutenden Geist eine nicht geringe Anzahl fremder Kleriker an seinenHofe oder an sein Reich zu fesseln. So hatte schon Pippin den Be-ginn zur Verbesserung des Kirchengesanges 1 ) im Reiche gemacht, undKarl trug Sorge für die Reinigung des Bibeltextes, 2 ) indem er den Angel-sachsen Alchvine damit beauftragte, der noch im Jahre 800 damit be-schäftigt war. 3 ) Paulus diaconus mußte in seinem Auftrage ein großesHomiliar für alle Sonn- und Festtage zusammenstellen, 4 ) und der Königempfahl diese Sammlung durch Rundschreiben allen Geistlichen. Von derRegel des heiligen Benedikt erbat sich Karl aus Montecassino eine wort-getreue Abschrift des Originals im Jahre 787, 6 ) und dies Normalexemplarließ er in Abschriften verbreiten und schenkte auch an dies oder jenesKloster eine solche. 6 ) Als Grundlage für alle höhere Bildung aber be-trachtete Karl sorgfältiges und richtiges Schreiben und er hat hier durchGesetze und Verordnungen 7 ) unablässig gewirkt, obwohl er selbst sichniemals diese Kunst aneignen konnte.
So rühmt ein Schreiber Winidharius in St. Gallen von ihm, daß er,der kriegsgewaltige Held, auch gegen die Fehler in den Büchern zuFelde ziehe. 8 ) Ohne Zweifel nahm unter dem König die Korrektheit derBücher zu, namentlich seitdem die früher fehlende oder höchst mangel-hafte Worttrennung durchgeführt wurde; freilich entstand für die Wissen-schaft hierdurch insofern ein Nachteil, als jetzt willkürliche Änderungenund Interpolationen in die Handschriften einzogen, während früher wört-lich, allerdings 9 ) oft verständnislos, kopiert wurde. Aber zu diesen
aus der gleichzeitigen Dichtkunst. In Romschrieb man noch 774 die barbarische FormCarulus (Poet, lat.l, 90 N. 3).
!) Vgl. Cod. Carolinus ep. 41 (Jaffe,Bibl. rer. Germ. 4,139).
2 ) Capitul. regum Franc, ed. Boretius 1,80, 25 ff. (N. 30).
3 ) MG. Ep. 4. 323,5 f.
4 ) Capitul. ed. Boretius 1.80 N. 30.
6 ) Siehe Traube, Abb. d. bayer. Akad.21 629.
6 ) MG. SS.9,216 und Traube a. a. O.
S. 629 f.
■>) Vgl. Capitul. 1, 80,25 ff. und das Capi-tular von 789 c. 71.
8 ) Poet. lat. 1,89 N. II, IL Dieser Schreiberkehrt besonders im Sangall. 238 s. VIII wieder,wo p. 178—181 und 186—311 Exzerpte ausHeptateuch, Ruth und Evangelien stehenmit Fragen und Antworten, die Winitharwohl selbst verfaßte.
9 ) Klassische Beispiele für den Unsinn inder Worttrennung bei Wattenbach, Schrift-wesen im Mittelalter 3 S. 329 n. 3.