Einleitung zum zweiten Buche.
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uns durch die Anthologie im Salmasianus vergegenwärtigt wird, konntesich diese spätere Zeit nicht mehr messen. Dagegen wurde das Reich derAVestgoten und im besondern die Stadt Sevilla während des 7. Jahrhundertseine Pflanzstätte wissenschaftlicher und literarischer Bestrebungen, wieman sie zur selben Zeit nirgends anders antrifft. Die nahe Berührung derGermanen mit den Keltoromanen zeitigte hier, wie später in den angel-sächsischen Reichen, eine wirkliche Nachblüte des alten Schrifttums, undnicht wenige unter den hier entstandenen Werken sind für die spätereZeit Leitsterne geworden. Wie aber das Umsichgreifen des Islam seit derMitte des 7. Jahrhunderts in Afrika der christlichen Geisteskultur das Zielsetzte, so brach auch für Spanien seit dem Jahre 711 eine andere Zeit an.Fast die ganze Halbinsel trat unter maurisch-arabische Herrschaft, undnur die nordwestlichen Gebirgsgegenden, die einst unter suevischem Zeptergeeinigt waren, erhielten zum Teil ihr christliches Bekenntnis und fandenspäter ihren Mittelpunkt im asturischen Oviedo. Freilich erstand in Spanieneine neue und der christlichen nicht nachstehende Kultur unter dem Ein-flüsse der Eroberer und der an ihrer Seite ins Land strömenden Juden.Die Araber hatten frühzeitig die Werke des Aristoteles 1 ) und andrergriechischer Denker in ihre Sprache übersetzt und da sie sich mit Vorliebephilosophischen, mathematischen, astronomischen und naturwissenschaft-lichen sowie medizinischen Studien und Spekulationen hingaben, so wurdendie von ihnen in Spanien begründeten Hochschulen Sitze der Philosophieund der exakten Wissenschaften, wo Aristoteles gelesen und erklärt wurde.Da die Bekenner des Propheten aber schon in den ersten Jahren derspanischen Eroberung auch nach dem südlichen Frankenreiche gezogenwaren, so blieben dort auch nach ihrer endgültigen Verdrängung mancheSpuren ihres Aufenthalts zurück, besonders die medizinische Hochschulezu Montpellier, die neben der italienisch-arabischen Hochschule zu Salernodie bedeutendste Anstalt des Abendlands für medizinische Wissenschaftdarstellte. Und die stete Berührung der spanischen Christen mit denArabern machte die Spanier überhaupt mehr empfänglich für deren Lieblings-wissenschaften, wenn auch die im Lande später erblühende reiche wissen-schaftliche lateinische Literatur mehr auf Rechnung der Juden zu setzenist als der Christen. Jedenfalls waren hier trotz des Niedergangs derchristlichen Kultur neue Keime gelegt, die in nicht zu langer Zeit merk-würdig reiche Früchte hervorbrachten.
Mitten in dieser Zeit, in der das Altertum langsam abstarb, erstandim Frankenreiche der Fürst, der der politischen wie der geistigen Ent-wicklung des Abendlandes für lange Zeiten die Bahnen anwies, Karl derGroße. Von einer wissenschaftlichen Jugendbildung bei Karl ist nichtsbekannt, und auch sein Vater Pippin konnte nicht schreiben. 2 ) Wir sind
') Im Abendland kannte man im frühenMittelalter fast nur die Uebersetzungen undKommentare seiner Werke, die Boethius ge-schrieben hatte. Erst im 12. Jahrhundertbeginnt die Bedeutung von Boethius abzu-nehmen, da die wirkliche Uebersetzung von
Werken des Aristoteles beginnt.
2 ) In den Briefen Karl Martells heißtder Absender Carlus{7.. B. MG.Ep. 3, 270.33).Diese unlateinische Form macht unter Karld. Großen langsam der Form Caröhis (oderKarülus) Platz; die Quantität bestimmt sich