Gregor von Tours. 217
tüchtige Schulung sowohl durch die Grammatik und Rhetorik als auchdurch die Lektüre der weltlichen, d. h. der klassischen Autoren fehle. Erentschuldigt sich bei seinen Lesern, wenn er durch falsche Buchstabenoder Silben einen Fehler begehe. Es ist daher nicht zu verwundern, wennIder Umfang seiner literarischen Kenntnisse ein ziemlich beschränkter ist,rühmt er doch den Franken Andarchius als einen kenntnisreichen Mann,da er „in den Werken Vergils, den Büchern des Codex Theodosianus undin der Rechenkunst wohl bewandert war". Und er erwähnt in seiner Vor-rede zur Frankengeschichte ausdrücklich, daß das Studium der freien Künstein Gallien fast untergegangen sei — das mag sich freilich mehr auf dieeigentlich fränkischen Gebiete Galliens beziehen, denn die Zeiten des form-gewandten Avitus im burgundischen Vienne waren noch nicht lange vor-bei — und daß sich jetzt kein in Grammatik und Dialektik geschulterMann finde, welcher die Geschichte der Franken in Prosa oder im Gedichtdarstellen könne. Diese Worte erscheinen merkwürdig genug, wenn mandamit die vielfachen historischen Gedichte von Gregors Freund Fortunatusvergleicht — aber Fortunat war doch mehr Dichter als Geschichtschreiber.
Nach dem Tode seines Verwandten, des Bischofs Euphronius von Tours,wurde Gregor durch König Sigibert im Jahre 572 oder 573 x ) mit diesemBistum bedacht und seitdem gehörte er in die Reihe der bedeutendstenKirchenfürsten Galliens, da das Bistum Tours durch die Tradition desheiligen Martinus den kirchlichen Mittelpunkt des Reiches darstellte. ImJahre 575 starb sein Gönner Sigibert und unter dessen NachfolgerChilperich hatte Gregor nicht wenig zu leiden (s. W. Arndt a. a. 0. S.8f.).Er kam während seiner Bischofszeit mit fast allen Großen des Franken-reichs in nahe Berührung, 2 ) der engste Verkehr aber verband ihn mitVenantius Fortunatus in Poitiers, der ihm allein dreiunddreißig Gedichtezugesendet hat. Gregor überlebte seinen Feind Chilperich um zehn Jahreund in höchst angesehener Stellung ist er am 17. November 594 gestorben.
Zeugnisse über seine Bildung etc. Wenn Gregor selbst an mehreren Stellen überseine rusticitas 3 ) u. dgl. spricht, so ist das wohl mehr seiner Liebe zur Wahrheit als seinerBescheidenheit entsprungen. Es ist möglich, daß sein Jugendunterricht sich ganz auf christ-licher Grundlage bewegte und daß er erst später mit heidnischen Schriften bekannt wurde,wie M. Roger 4 ) meint, aber es ist nicht wahrscheinlich. Wenigstens die Worte H. Fr. p. 449,14,Quoä si te, saccrdos dei, quicumqiie es, Martianus noster septem disciplinis erudiit' lassenerkennen, daß zu jener Zeit neben den christlichen Stoffen wenigstens Martian für denJugendunterricht gebraucht wurde. Die Vita Gregorii, die erst im 10. Jahrh. von Klerikernin Tours 5 ) verfaßt wurde, besitzt keine Bedeutung und läßt auch hierüber den Leser imStiche. Die bezeichnendsten Stellen Gregors für seine und der Zeit Bildung sind 6 ) p. 31, 2,Decedente atque immo potius pereunte ab urbibtis Gallicanis Hberalhim cultura litterarum ...
') Siehe W. Arndts Einleitung S.3,19f. I etc. S. 103 und 106. 108 f.■) Regesten über diese Zeit seines Lebens | 6 ) G. Monod a. a. O. S. 25 läßt Odo von
bei W. Arndt S. 9—11. I Cluni als Verfasser nicht mehr gelten.
3 ) Hiermit sind die Verse in Vita S. Probi ! 6 ) Wenn man absiebt von p. 33, 12 ,ve-(Vita abb. Acaunens. Script, rer. Meroving. 3, niam . . . praecor si aut in littevis aut in181) zu vergleichen: 2 Ciiius rita licet con- i sillabis grammaticam artem excessero,^ descripta volumine nullo Nee potens nimiumsum acumine Graio Ne docilis in Latio pre-tioso dogmate lingua Priscorum valeam ederecarmina vatum.
4 ) L'enseignement des lettres classiques
qua adplene non sum inbutus' und p. 668, 27,non enim me artis grammaticae Studium im-buit neque auetorum saecularium polita lecttoevudivit'.