214 Geschichte der lateinischen Literatur des Mittelalters. Erster Teil.
willigen Vereinigung mit Ostrom erblickt, während er in ihrer Feindselig,keit zum Kaiser, die besonders unter der Regierung der letzten Königeaufkam, nur ihren Untergang sehen kann.
Das cassiodorische Original des Werkes ist selbstverständlich bedeutendumfangreicher gewesen als das Exzerpt des Jordanis; es ist aber kaumanzunehmen, daß Cassiodors Standpunkt ein wesentlich anderer war, ob-wohl sich die Zeiten geändert hatten. Nur bedurfte es jetzt größerer Vor-sicht als früher in der Äußerung der Vaterlandsliebe, und darin sowie inder Fortsetzung bis auf die eigene Zeit besteht meines Erachtens dieganze Zutat des Jordanis. Ich möchte daher in dem Werke kaum mitRanke (Weltgeschichte 4, 2, 313 ff.) eine historisch-politische Arbeit sehen,sondern mehr eine magere, sachlich-stilistische Verdünnung des aus viel-fachen griechischen wie lateinischen und auch aus mündlichen Quellen 1 )geschöpften Originals, hervorgerufen durch den Wunsch eines oströmischenGroßen. An sich erscheint das Werk ebenso 'Unbedeutend 2 ) wie die Romana,Wichtigkeit hat es nur durch den Verlust seiner Quelle erlangt. Über dieQuellen s. oben bei Cassiodor und besonders Mommsen p. XXX —XLIV.
Portleben, Handschriften, Ausgaben. Von den Zeitgenossen werden dieGetica nicht erwähnt. Vielleicht hat sie der um 612 lebende Bischof Secundus von Trientbenutzt, der eine Langobardengeschichte schrieb, vgl. Mommsen, Neues Archiv 5,75. Fernervermutet Mommsen p. XLV und 198 s. v. straca Benutzung im Thebaiskommentar desLactantius Placidus zu 12, 62 (ed. Jahnke p. 471, 9 ff.); die Stelle beruht aber möglicher-weise auf späterer Einschiebung, da Placidus kaum in diese Spätzeit hinabzurücken ist.Aehnlich verhält es sich mit dem Geographus Eavennas, in welchen die Auszüge aus Jor-danis erst im 9. Jahrh. gelangen konnten, da dies Werk erst zu jener Zeit seine heutigelateinische Gestalt erhielt, 3 ) vgl. Mommsen p. XLV; der Verfasser dieser Kosmographiebesaß übrigens die Getica in abweichender Rezension, die teilweise besser war als dieheutige Ueberlieferung, die nach Mommsen p. XLV auf ein und dasselbe Urexemplarzurückgeht, das irische Schriftzüge aufwies. 4 ) Früher noch fällt die Benutzung der Geticadurch Paulus diaconus, vielleicht auch durch Ermoldus Nigellus 3, 237 (PL. 1, 47), wo Get. 27benutzt zu sein scheint (p. 60, 18). Vielfach ausgebeutet hat auch Frechulph die Getica.Daß Rudolf von Fulda das Werk vielleicht kennt, notiert Simson, Neues Archiv 22, 747,der die Worte sicut tradit antiquitas aus der Einleitung zur Transl. S. Alexandri mit Get. 43(p. 65, 5) und 121 (p. 89, 7) vergleicht. Widukind von Korvei nennt den Jordanis als Ge-währsmann Res gestae Saxon. 1, 18 (p. 16 ed.Waitz 1882). Ueber Heriger von Lobbes undLandolfus Sagax vgl. Mommsen p. LVIII. Ein aus dem Anon.Valesianus und aus Jordaniszusammengeschriebenes mittelalterliches Werk über die Geschichte der Gotenheirschaft inItalien steht im Vat. Pal. 927, s. Frick, Commentat.Wölfflinianae S. 314 ff. Größere Stückeverwendet auch Ekkehard von Aura, s. Mommsen p. LV. Ueber Hugo von Flavigny undOtto von Freising s. Mommsen p. LVIII und adn. 102. 103; über die Exzerpte in Berol.Meerm. 136. 137 vgl. oben. In alten Katalogen erscheinen Aufschriften s. VIII in St. Wan-drille, s. IX in Murbach, St. Riquier, s. X in Bobbio. s. XI in Lobbes, Massay, Monte Cassino,s. XII in Trier, Corbie, St. Amand usw., s. Neues Archiv 32, 651 f. Verbreitet war das Werknur in Deutschland und Frankreich und daher ist die Zahl der Hss. nicht besonders grofs.Haupthss.: Zu den bei der Romana genannten HPVLS kommen besonders hinzu Ambros.C 72 inf. s. XI—XII, Vat. Ottobon. 1346 s. X, Wratislav. Rhed. repos. n. 106 s. XL Ueberdie älteren Ausgaben s. Mommsen p. LXXf.; Hauptausgabe von Th. Mommsen, IordanisRomana et Getica, 1882 (= Auct. antiq. 5, 1); Handausgabe der Getica: Iordanis de orig. act,Getarum rec. A. Holder, 1882. Allgemeines: C. Schirren, De ratione quae inter Iord. etCassiodorium intercedat commentatio, Dorpat 1858; dazu v. Gutschmid, Kl. Schriften 5,293—336. Teuffel-Schwabe§485. Ebert 1,556-562. Manitius, Neues Archiv 13, 212.Bachmann, Neues Archiv 23, 175 f. Eine kritische Uebersicht über die neueren Arbeiten
') Iord. Get. 162 p. 100, 8.-) Für Jordanis' günstige Kritik von Get.21 durch E. Patzig, Byzant. Ztschr. 7, 576ff.3 ) Siehe Mommsen, Ber. üb. d. Verh. d.
Kgl. Sachs. Ges. d. Wiss. 1851 S. 116.
4 ) Die Benutzung bei den Autoren desMittelalters s. in der Ausgabe Mommsensunter dem Text; dazu p. XLV adn. 85.