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Geschichte der lateinischen Literatur des Mittelalters. Erster Teil.
die andern Hss. haben keine Aufschrift, doch besitzt Sangall. 2 als Sub-skription Explecit versus de rota mundi. Und da diese Hs. wie auch Leid.Voss. Q 69 zur besten Überlieferung gehören, so ist diese Aufschrift vor-zuziehen, zumal sie sich auf Isidor Et. 14, 2, 1 stützt, der auch sonst be-nutzt ist. 1 ) Und aus der bei Isidor vorhandenen Reihenfolge — in Betrachtkommen Etym. 14, 3, 1—15. 19»-46. 4, 1—8; 9, 2, 97; 14, 4, 59f.; 13, 21, 28;9, 2, 100; 14, 4, 5f. — läßt sich die bodenlose Verwirrung des Textes inder Überlieferung etwas heben. Zugleich ergibt sich aber für die Abfassungdie Zeit nach Isidor bis kurz vor 738, da das Gedicht in dem Rhythmusauf Mailand (PL. 1, 24) zitiert wird (Traube, Karol. Dichtungen S.114ff.).Jedenfalls kam es aus Westfranken nach St. Gallen, wo es im 8. Jahrhundertzweimal abgeschrieben wurde, und nach Würzburg, wo man es im folgen-den Jahrhundert kopierte, und über St. Gallen nahm es seinen Weg nachItalien. Fast keine der Handschriften des Gedichts überliefert den gleichenTest, überall finden sich Lücken und Umstellungen, in die erst die be-sonnene Kritik von K. Strecker einige Ordnung gebracht hat.
Im allgemeinen besteht das Gedicht aus einer Beschreibung von Asienund Europa, zu der in einigen Hss. noch mehrere, lückenhaft überlieferteStrophen über Afrika kommen; den Schluß bildet die am Ende völlig lücken-hafte Beschreibung der Inseln. Und zwar ist der Inhalt ein ungemeindürftiges Exzerpt aus den oben vermerkten Isidorstellen. Hierbei fällt auf,daß Strophe 18—23 und 30—34 allein von Germanien und Gallien ein-genommen werden, und daß der Dichter hier über Isidor hinauszugehenund aus eigner Kenntnis zu berichten scheint, vgl. zu 18, 3 im kritischenApparat, doch hat Strecker S. 9 die Folgerungen, die Pertz an diese schlechteÜberlieferung 2 ) knüpfte, durch Emendation aus Isidor illusorisch gemacht;tatsächlich aber berichtet er 23, 2 f. sowie 30, 2 f. 31. 32. 2 f. 33 und 34 auseignem Wissen. Danach stammte der Dichter jedenfalls aus Westfranken,vielleicht aus Burgund, 3 ) und seine Identität mit Theodofrid wäre alsomöglich. Nach dem Dichter zerfällt das Frankenreich in Gallia Belgica,die Lugdunensis, Neustria, Aquitania, Wasconia und Septimania; er mischtalso frühere mit zeitgenössischen Benennungen durcheinander. Aus 23, 3Modo sedent christiani cum divino munere kann auf die Zeit nicht geschlossenwerden, da die Benutzung Isidors unbedingt feststeht, wie schon PertzS. 258 richtig annahm. Zum Zweck des Gedichts möchte ich vermuten,daß es für Schulzwecke geschrieben ist, wofür mir das Exzerpt aus Isidorsowie die volkstümliche Form im rhythmischen, trochäischen Tetrameter 4 )
') Vgl. auch K. Strecker. Der rhyth-mus de Asia et de universi mundi rota, Berl.Progr. 1909 S. 13 im kritischen Apparat. Nachdieser Ausgabe wird das Gedicht von mir zi-tiert.
2 ) Einige Lesarten bezeugen, daß sie erstnach der Tätigkeit von Bonifatius in diesenVers gekommen sind.
3 ) Ueber den fränkischen Ursprung s.Pertz, Abh. d. Kgl. Akad. d. Wiss. zu Berlin1845 (Berl. 1847) S. 259. Freilich den „gebo-renen Burgunder" vermag ich aus 34 nicht
so schnell herauszulesen. Daß der Dichteraber aus romanischem Lande stammte, ergibtseine lateinische Aussprache 26, 2 eSclavis und48, 2 espirifus, s. Strecker S. 11.
4 ) Zu diesen rhythmischen Fünfzehnsil-bern s.W. Meyer, Münch. SB. 1882, 79 u. 85.Die Verse sind, wie bei diesem Versmaßmeistens, in Gruppen zu dritt gestellt. Reimund Assonanz wechseln häufig ab. 3-13 habenam Ende meist a (mit ae, as, am, at). AndereGruppen zeigen andern Reim.