190 Geschichte der lateinischen Literatur des Mittelalters. Erster Teil.
Isidor, wie in den zwei von W. Meyer benutzten Hss. Monac. 14843 s. IXund Sangall. 269 s. IX, nach denen Meyer a. a. 0. S. 440—449 das Gedichtherausgab (frühere Ausgabe Isidori op. ed. du Breul p. 336—341). DerRhythmus zählt 330 Verse und besteht aus einer eindringlichen Bitte anChristus um Gnade beim jüngsten Gericht, sodann aus einer ausführlichenBeichte. Aus 312 Redde iam luci sepultum, peregrinum patriae. Tolkfurorem perennem ab animo principis geht hervor, daß der Dichter sich inder Verbannung befand und die Gnade seines Fürsten völlig verloren hatte.Damit ist Exhort. 5 Non ablatas recidas mundi fascesque suspires, Nee casushonoris zu vergleichen, was ganz hierzu stimmt. Der Dichter war alsowahrscheinlich ein Bischof oder Abt. Aus der Beichte vgl. die Worte 214Errasse me dudum plango profanus et prodigus Meretricio amore bona per-dens patria. Die Form des Gedichts sind Zeilen von je fünfzehn Silben,die Halbzeilen zu acht und zu sieben Silben. Der Tonfall vor den (1. Halb-zeile) trochäischen und (2. Halbzeile) iambischen Schlüssen ist meist trochäisch,aber mit vielen Variationen, also ebenfalls zwanglos, wie der Rhythmus imvorigen Gedicht. Die Gruppierung der Zeilen ist, wie so häufig, in Strophenzu je drei Zeilen geschehen, doch mit der Besonderheit, daß die abecedarischeAnlage hiermit verflochten wird; von den 110 Strophen beginnen die sechzigersten mit A, sieben mit B, je zwei mit C bis L (K steht ungewöhnlich beiKarpe und Kaput), drei mit M, sieben mit N, je zwei mit O bis ß, je einemit S bis Z, die Endstrophe mit G; vgl. W. Meyer a. a. O. S. 283. Reimscheint in beiden Gedichten nicht besonders gesucht zu sein; vermiedenwird er jedenfalls nicht, und im Lamentum findet er sich bedeutend häufiger,als in der Exhortatio.
Häufung von Synonymen zeigt sich Vs. 8. 11. 46 f. 52. 117 f., von Gegen-sätzen 256 ff. Seltne Worte sind in beiden Gedichten Exhort. 79 abdi-cabitis, Lament. 199 biplex und 225 errulus. Von Benutzung älterer Dichterist mir außer der schon oben bemerkten Verwendung des Verecundus nurdie bezeichnende Stelle 126 Ut par poena semper urat quos par culpa sociatals aus Arat. 1, 447 nee poena sequestrat quos par culpa ligat (nach Dracont.laud. dei 1, 541 f.) x ) genommen aufgefallen. — Vgl. Manitius, Gesch. d. christl.lat. Poesie S. 416—420; Bardenhewer, Patrologie S. 496.
25. Versus cuiusdam Scotti de alfabeto.
in einer ganzen Reihe von Hss. seit dem 10. Jahrh. findet sich ein G-edicht mit obigerAufschrift. Es steht in Leid. Voss. Q. 33 f. 176; Carnot. 55 f. 1; Paris. 2773 f. 108 b und5001 f. 23; Mus.Brit. Ms. Royal 12. C. XXIII (alle s. X): Bruxell. 10615—10729 s. XII f. 194bund 9799—9809 s. XII f. 137 b; Cantabrig. Gg. V. 35 s. XI f. 381a, (und kleines Fragment)Leid. bibl. publ. 190. Zuerst aus Cantabrig. hrsg. von Halliwell in Wright and Halliwell,Reliquiae antiquae 1, 164 f. (Y und Z fehlen), dann ohne Kenntnis dieser Ausgabe vonL. Müller, Rhein. Mus. 20, 365—367 nach Leid., (ohne Y und Z: von demselben Kollationdes Fragments im andern Leid. Rhein. Mus. 22, 500), Kollation des Mus. Brit. Reg. vonW.Wagner, Rhein. Mus. 22, 629. Kollation des Paris. 2773 und Cantabrig. von J. Klein,Rhein. Mus. 31, 467 f. (mit Y und Z), Kollation der Bruxell. von E. Grosse, Rhein. Mus. 24,615 f. und 616f. (mit Y und Z), hrsg. mit den Scholien von Chartres von H. Omont, Bibl.de l'ec. des chartes 42, 431—436 (mit Y und Z), hrsg. von E. Baehrens, PLM. 5, 375—378(mit den richtigen Tristichen Y und Z).
') sl par sententia danniet Quos par culpa ligat.