176 Geschichte der lateinischen Literatur des Mittelalters. Erster Teil.
auf den Wunsch Gregors (5 exiqens nuper nova me movere metra quaeSäppho cecinit decenter ... 13 cur mihi iniungis lyricos melocles, voce quirauca modo vix susurro ... 21 cum labor doctis sit ut ista panganf). Dieletzteren Worte lassen erkennen, daß es sich hierbei um ein schwierigesKunststück l ) handelte, während die zwei andern lyrischen Maße als zurVolkspoesie gehörig keine Schwierigkeiten bereiteten. Aber auch der sonstigeAnlaß zu diesem sapphischen Gedicht war kein gewöhnlicher, und wennsich Fortunat nicht gar so kurz und undeutlich ausgedrückt hätte, könntensich hieran wichtige literarhistorische Fragen anknüpfen. Er sagt nämlichVs. 33ff., daß ihm Gregor ein Buch voll hochtönender Poesie (tumido cothurno)gesendet habe, die er kaum verstehen könne; es enthalte königliche Worteund stolze Verse und besitze viele Rubriken, 2 ) denn es bestehe aus Rhyth-men und Metren und sapphischen Gedichten und trimetrischen Epoden. VielerDichter Werke befänden sich darin, deren Namen er aber im gegenwärtigenMaße nicht unterbringen könne. Er habe sich an die Lektüre des Buchesgemacht, aber er habe sie vielfach unterbrechen müssen wegen der Schwierig-keit und Masse des Stoffes. Und er habe das ganze Buch nicht lesen können,sondern sende es nun mit großem Danke zurück. Der Inhalt dieses Werkesscheint zum Teil antike Lyrik gewesen zu sein; vielleicht war das Ganzeetwas Ähnliches wie die berühmte Dichtersammlung des Cod. Salmasianus. a )Fast alle übrigen Gedichte sind in den für die Briefform der späterenZeit typisch gewordenen Distichen geschrieben. Und diese Form hat Fortunatmit eigentümlicher Leichtigkeit, ja mit Virtuosität geübt. Die Verse fließenihm nur so zu, er war ein großes formales Talent. Allerdings wiederholter sich ungemein oft, namentlich an den Stellen, wo das Lob der zu feierndenPersönlichkeiten gar dick aufgetragen ist. Dafür entschädigt der Dichterin seinen nicht gerade seltenen Gedichten elegischen Charakters, in denensich häufig seine große Feinfühligkeit und Zartheit offenbart; manche Stellenin diesen Gedichten sind von echt lyrischer Färbung und erheben sich un-gemein hoch über die dichterischen Spielereien der meisten Zeitgenossen.- 1 )Man kann mit ihnen höchstens die sittlich ernsten und menschlich schönenGedichte des Boethius in der Consolatio damit vergleichen. Freilich ist beiFortunat alles mehr persönlich und der Leser kann sich daher viel eherein Bild gestalten. Bei ihm atmet alles Empfindung und Leben, seineGedichte sind meist erlebt. Dieser unmittelbaren Wirkung seiner Dichtungist es wohl auch vornehmlich zuzuschreiben, daß sein Einfluß auf die folgendenJahrhunderte sehr groß gewesen ist (s. unten). — Fortunats Wortschatz
baut und zeugen wohl von horazischem Vor- lassen, zur Not auch Hoiaz. Besonders widei-
bild. Uebiigens verraten Fortunats Verse nicht strebend würden die Namen der Duodecim sti-eben viel Kenntnis von Horaz. j pientes (Anth. lat. 495 ff.) gewesen sein. An
') Ob das von Fortunat behauptete frühere griechische Dichter ist natürlich nicht zu
Geschick in der Handhabung solcher Maße denken.
wohl ganz der Wahrheit entspricht? (Vs. 17 ') Vgl. auch H. Elss, Unters, üb. d. Stil
qui vel haec olim mihi si fuissent nota pru- u. d. Sprache desVenantius Foitunatus(Heidel-
dentuni docili Camena, per tot oblitus fueram berg 1907) S. 23 ff.; er hebt S. 24 f. den Hu-
henigndm tempora Musatri). mor des Dichters hervor. Verdienstlich sind
2 ) Vs.41 disputans muHum Variante milto. hier S. 34—73 die genauen Untersuchungen
3 ) Die Namen Catull, Tibull und Properz über Stil und Sprache,hätten sich im sapphischen Maß unterbringen