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1 (1911) Von Justinian bis zur Mitte des zehnten Jahrhunderts : mit Index
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175
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Venantius Fortunatus. 275

Gedichte geschrieben, obwohl es ihm an Talent zur Lyrik keinesfalls fehlte.Das beweisen seine von tiefem Gefühl zeugenden Klagegedichte, welche dieZustände einer trauernden Seele beredt schildern. Von seinem gemütvollenWesen sprechen auch die zahlreichen Epitaphien, aus denen meist mensch-liche Wärme und wahre Empfindung reden. Diese Grabgedichte (meist inBuch 4) sind kaum wirkliche Inschriften 1 ) gewesen dagegen sprichtschon ihre Länge, sondern es waren poetische Grabsprüche, die beimBegräbnis vorgetragen wurden. Die Hauptmasse seiner Gedichte aber sindwirkliche Briefe. Manche ergeben sich als Reden, wie etwa 9, 1; 6, 2, undda sie wohl für den Vortrag nach der Abendmahlzeit bestimmt wurden,so hat man sie als Toaste aufzufassen (Meyer S. 34). Sicher ist das bei10, 11; 5, 4; 3. 13, abcd, 10, 14. 18. Wohl dem gleichen Zwecke haben diezahlreichen Lobgedichte auf Bischöfe gedient (9, 9; 3, 14.11.13. 23a; App. 34).So sind auch 6, 3. 4 Dankansprachen an Damen, und als weitere Rede-gedichte ergeben sich 7, 1. 5. 6. 7. 16; 9, 16. Aber auch für große feierlicheGelegenheiten hat Fortunat geschaffen, wenn es galt, Ansprachen an Königeoder Königinnen zu halten. Als solche Gedichte dokumentieren sich 5, 3. 4.6. 1. la. 2; 9, l. 2 ) 2. 3; 10, 7. 8; App. 5. 6. Ebenso hat Fortunat Lobgedichteauf kleinere Kirchen meist zur Kirchweih vorgetragen (meist in Buch 13,doch auch 10, 5. 10. 6), und endlich hat er Lobsprüche auf Villen. Gärtenund Flußbauten gedichtet (1. 7. 1821; 3. 10. 12, vgl. 6, 8; 10. 9; 7, 14).Vgl. W.Meyer S. 3272.

Kunstmittel, Sprache. In Hinsicht auf die äußerlich überreizte undinhaltlich meist leere poetische Produktion seiner Zeitgenossen ist dieDichtung Fortunats frisch und lebenswahr. Sie bemächtigt sich auch deskleinsten Umstands und führt größere Vorwürfe mit Geschick und oft auchmit Geschmack durch. Fortunat hat für seine ausgebreitete dichterischeTätigkeit neue Wege gesucht und gefunden, er hat die meisten Kunst-mittel und Künsteleien verschmäht, welche die alte Schule bot. So hat ernamentlich Verzicht geleistet auf die heidnische Mythologie, die allegorischenFiguren und die rhetorischen Wortkünsteleien. Nur selten macht sich dieSchule bemerkbar wie 4, 26 und 6, 5. wo die Disposition des Gedichts deralten Tradition entspricht.Er schildert nur, was wirklich um ihn ist unddas mit Gedanken, welche den Menschen seinesgleichen nahe liegen" (MeyerS. 31). Vor allem sind seine metrischen Formen 3 ) bescheiden. Sieht manvon der epischen Vita Martini und dem Epithalamium 6, 1 ab, so bestehenseine Gedichte fast ausnahmslos aus Distichen. Nur viermal hat er lyrischeMaße verwendet, nämlich zweimal die ambrosianischen Jamben in 1, 16und 2, 6, trochäische Septenare in 2, 2 und sapphische Strophen 4 ) in 9. 7

') Als Inschriften auf Schüsseln weisensich die sieben Doppeldistichen 7, 24 Versusin gavatis aus. Inschriften scheint auch dasGedicht 10, 6 teilweise zu enthalten. In 10,7, 35 werden elfenbeinerne Diptychen er-wähnt.

2 ) Das Gedicht wird von Meyer S. 113bis 126 auf seine richtige geschichtliche Basis

einflufäte Auffassung Chilperichs scharfer Kri-tik unterzogen.

3 ) Kehrreim findet sich 5, 2, 17. 43, stär-ker App. 2. 11 f. 21 f. 49 f. und 61 f. 71 f. DieEpanalepsis begegnet in 3, 30; 8, 2. App. 19und 5, 5, 51 f. Der eigentliche Reim begegnetsehr häufig, s. meineZusammenstellungGesch.d. christl. lat. Poesie S. 470 n. 1.

gestellt und die durch Gregor von Tours be- : 4 ) Sie sind noch durchaus regelrecht ge-