166 Geschichte der lateinischen Literatur des Mittelalters. Erster Teil.
sogar ein Kommentar zu nennen" (Leimbach a.a.O. S. 262 f.). DieserDoppelzweck hat dem Werke zum Schaden gereicht, denn je nach denvon Lukas berichteten Tatsachen greift bald die eine, bald die andereBehandlungsweise tonangebend ein, und es entsteht dadurch eine fortwährendeStörung des epischen Flusses, oder es durchdringen sich beide.
Die Art und Weise der Darstellung erfolgt meist so, daß nach einerkurzen, episch gehaltenen Erzählung deren Deutung versucht wird. Undbei dieser Deutung kommt das grammatisch-historische Element, d. h. dieErklärung des Wortsinnes, fast stets zu kurz, die dogmatisch-moralischeDeutung überwuchert sie, aber beide werden von der allegorischen undmystischen Behandlung 1 ) noch weit übertroffen. Dies Element ist besondersauf Rechnung des Sedulius zu setzen, dessen Führung sich Arator gernüberläßt (s. meine Anmerkungen in „Geschichte d. christl. lat. Poesie'S. 371 ff.). a ) So ist Arator neben seinem Vorbild eine wahre Fundgrubefür Zahlensymbolik, vgl. 1, 113—118. 746 ff. 856 ff. 875 ff. 2, 675—687. Zu-weilen müssen auch die Namen zur allegorischen Deutung herhalten, undArator zeigt hier, wie sehr ihm die hebräischen Sprachkenntnisse mangeln,s. Leimbach S. 233. 235. 243 f. 248. Der Stoff bot an sich schon zu wenigHandlung für ein Epos, und Arator hat sich obendrein eine ganze Mengehistorischer Partien entgehen lassen. Und da die sich überall aufdrängendeallegorische Erklärung bei ihren abstrakten Gedanken des epischen Momentsentbehrt, so zeigt das Gedicht auch keine stoffliche Entwickelung, es bestehtaus aneinandergereihten und unverbundenen Szenen, die in ihrer Gesamt-heit den Leser nicht befriedigen.
Übrigens ist der sprachliche Ausdruck Arators mannigfaltig und ge-wandt, 3 ) sein Wortschatz ist vergleichsweise reich, ohne sehr an die späteZeit zu erinnern. Das ist die Folge seiner starken Anlehnung an frühereDichter, von denen Virgil, Horaz, Statius, Juvenal und Prudentius nebenSedulius zu nennen sind. Der Versbau Arators hingegen ist ziemlich ein-tönig, da Verse mit gleichen Zäsuren sich aufeinander sehr häufen, vgl.z.B. 1, 695-705. 715—718. 724—728. 730—733.
.Fortleben. Bei der dreifachen Ausgabe 4 ) ist das Werk jedenfalls bald verbreitetworden, wobei ihm die allegorische Richtung sehr förderlich war, wie sich aus der Notizin alten Hss. ergiebt. Schon dreißig Jahre später spricht Fortunat von der Dichtung, dieihm vielleicht schon in Italien bekannt war, s. Vita Mart. 1,22 f. Und Corippus in Afrikascheint sie noch eher zu kennen, s. Manitius, Ztschr. f. österr. Gymn. 1886 S. 101, undR. Amann, De Corippo prior, poet. lat. imit. II, Oldenburg 1888. S. 24. Aldhelm führt eineReihe von Versen an und benutzt den Dichter auch sonst, s. Manitius, Wiener SB. 112,580,wie vielleicht auch Eugenius von Toledo, vgl. ib. S. 628 und Auct ant. 14, 269. Julianusvon Toledo aber und Isidor scheinen ihn nicht zu kennen, hingegen wird er von Beda häufigbenutzt, s. Wiener SB. 112, 623 f., und er wird als Dichter von Paulus diaconus Hist. Lang.1, 25 (p. 73 ed. min.) genannt. Durch die Angelsachsen wurde das Werk wohl bei denFranken bekannt, denn es wird nun in der karolingischen Dichtung ungemein viel aus-gebeutet, vgl. die Noten zu PL. 1—4. Das Gedicht muß damals in sehr großem Ansehen
') Vgl.hierzuLeimbach a.a.O.S.267n. 1. i Fournival(Delisle,Lecab. desmscr.2,524ff.)
-) Die Stellen lassen sich noch ungemein XI, 131 und in Pavia (Indagini storiche etc.
vermehren. Ganz im Sinne des Sedulius ist 2, 90, 981) nach der Ausgabe ad Florianum,
2,361 tarnen lila fiffura, Qua sine nidla vetus I in St. Pons de Tomieres (Delisle 2. 536 ff.)
subsistü littera; desgl. ad Vigil. 21 f.
3 ) Sein facundum eloguiwm rühmt auchschon Fortunat Vita Mart. 1, 23.
4 ) So wird das Werk bei Richard von
196 nach der Ausgabe ad Vigilium genannt:vgl. Konrad von Hirschau, Dial. sup. auctoresed. Schepss p. 47, 5—8.