Druckschrift 
1 (1911) Von Justinian bis zur Mitte des zehnten Jahrhunderts : mit Index
Entstehung
Seite
143
Einzelbild herunterladen
 

Bonifatius. Lnl. ^4.3.

gesamte Literatur ausgiebig und in kritischer Weise benutzt wird. Eineetwas ausführlichere Besprechung der Lebensdaten des bedeutenden Mannesist aber unbedingt am Platze, da seine Tätigkeit mit dem Beginn derdeutschen (ostfränkischen) Kirche in vielen Stücken identisch ist.

Wynfrith so oder Wynfreth lautet der angelsächsische Name,Winfrid ist Verdeutschung ist wahrscheinlich zwischen 672 und 675vielleicht in Wessex geboren und scheint frühzeitig dem Kloster Adescancastreübergeben worden zu sein, das er aber bald mit Nhutseelle vertauschte,wo er unter dem Abt Wynbercht, einem geistig bedeutenden Manne, tüch-tige Studien machte, so daß er schließlich Leiter der Klosterschule wurde.Als solcher könnte er seine Grammatik geschrieben haben und als solcherhat er, ebenfalls im Sinne Aldhelms, seinen Schülern metrische Unter-weisungen gegeben, so daß sie akrostichische Figurengedichte abfassenkonnten. 1 ) Denn es ist kaum abzusehen, daß der in späteren Jahren durchMissionstätigkeit und Kirchenorganisation so vielbeschäftigte Mann zu solchenArbeiten noch die Zeit gefunden haben sollte. Wir wissen schon, daß dieAngelsachsen auch in der Ausbreitung des Christentums die gelehrigenSchüler der Iren gewesen sind. Schon hatten Wilfrid, Wictberct, Willi-brord und Suidberct unter den Friesen gepredigt, und wenige Jahre nachSuidbercts Tode verließ auch Wynfrith sein Kloster und ging nach Fries-land. Nach kurzer Rückkehr ins Kloster und Ablehnung der ihm an-getragenen Abtswürde verließ er 718 die Heimat aufs neue, ohne sie jemalswiederzusehen. Sein Ziel war Rom und am 15. Mai 719 wurde ihm vonGregor IL die Bestallungsurkunde ausgestellt, kraft deren er als Helfer despäpstlichen Stuhles unter den Heiden predigen durfte. Als Arbeitsfeld wardihm Thüringen angewiesen, das man in Rom vielleicht als Verbindungs-stufe zwischen Friesland und Bayern betrachtete, wo beiderseits Rom schonAnknüpfungen besaß. Doch seine neue Arbeit führte ihn bald von Thüringennach Franken, nach Friesland und nach Hessen, wo er in Amöneburg eineerste Siedelung zum Zweck eines kirchlichen Mittelpunktes in dem neuenGebiet begründete. Aber wegen Begründung eines Bistums forderte derPapst seine persönliche Aussprache, und bald nachdem er 722 in Romeingetroffen war, wurde er am 30. November zum Bischof geweiht undzwar mit der besondern Bestimmung, in seinem Wirkungskreise alle Romentgegenstehenden Tendenzen verhindern zu helfen. Dadurch wurde Boni-fatius diesen Namen führte er seit jener ersten ihm durch Rom erteiltenVollmacht für immer in die große Politik Roms hineingezogen, derenfestester und gewandtester Vertreter er in germanischen Landen wurde.Bei dieser neuen Bestallung konnte allerdings die Frage entstehen, ob diefränkische Staatsgewalt, die bisher die Bischöfe des Reichs ernannt hatte,sich mit dieser päpstlichen Prärogative einverstanden erklären würde. Soempfing denn auch Bonifatius einen an Karl Martell gerichteten Brief, indem der Papst den Frankenherrscher über den Schritt aufklärte, ohneaber das Rechtsverhältnis irgendwie zu berühren. Und als Bonifatius nun

l ) Daß die Rätsel erst in Ostfranken gedichtet sind, hat Dümmler, PL. 1, 2 ausVs. 823 (p. 13) mit Recht erschlossen.