138 Geschichte der lateinischen Literatur des Mittelalters. Erster Teil.
geht A. auch christlichen Stoffen nicht aus dem Wege. Es zeigt sich fastüberall das lebhafte Beobachtungsvermögen des Germanen, manches gehtaus feinsinniger Hingabe an die Wunder der natürlichen Welt hervor.Reizvoll ist z. B. Hexast. 3 die Tippula oder die Wasserspinne beschrieben;bei Tetrast. 14 ist bei den Bombyces wegen der genistae 1 ) nicht an dieSeidenraupe, sondern wohl an Saturnia carpini (oder spini?) zu denken.Diese Rätselsammlung besitzt einen hohen kulturhistorischen Wert, da ihreStoffe unmittelbar dem Leben entlehnt sind.
Fortleben, Handschriften. Die Rätsel sind schon von Tatwine und von Hwaet-bercht-Eusebius sowie von Cynewulf benutzt, vgl. Manitius a.a.O. S. 611 ff. und Ehwald,Erfurter Akad. Heft 33,23 (daselbst Uebersetzung von Heptast. 3), ebenfalls von Beda undBonifatius (Manitius S. 614 f. und Ehwald. Festschrift S. 16). Sigebert von Gembloux,der in dem Werk De Script, eccl. 132 den Aldhelm erwähnt, scheint allein die Rätsel ge-kannt zu haben, da er keine weiteren Schriften anführt (Bibl. eccl. ed. Aub. Miraeus p. 150).Den Traktat selbst benutzten Bonifaz (ep. 1. s. Epist. 3, 250. 2 f.) Lul, Alchvine, Leobgytha,sowie die Verfasser mehrerer Briefe aus dem 8. Jahrb. , s. Ehwald, Festschrift S. 17—20,außerdem Willibald in der Vita Bonifatii c. 2 (s. Vitae Bonif. ed. Levison p. 7 n. 2). Nachalten Katalogen war das Werk vorbanden im 8. Jahrb. in York, im 9. Jahrh. in Reichenau,-)St. Gallen und Lorsch und bei Eulogius von Cordova, später wird es in Canterbury erwähnt. —Handschriften: Caroliruh. Augiens. LXXXV s. VIII—IX. Vat. Palat. 1753 s. IX—X; 2078s. IX-X. Paris. 2339 s. X—XI ; 8069 s. XI. Bruxell. 9581—95 s. IX, 4433—38 s. X; dieRätsel allein im Petropol. F. XIV. 1 s. VIII. Sangall. 242 s. IX. Palat.591. Ottobon. 35 s.X.Paris. 8440. Bruxell. 10615—10729 s.XII, 9799-9809. Allgemeines: A. Ebert, Ber. überd. Verhandl. d. Sachs. Ges. d. Wiss.29,20—56. Hahn. Bonifaz und Lul S. 16. Manitius.Gesch. d. christl. lat. Poesie S. 487. R. Ehwald, De aenigmatibus Aldhelmi et acrostichis,Festschrift für A. von Bamberg S. 1—26.
3. De virginitate. Da Aldhelm in dem Briefe an Eahfrid (p. 95, 8)mit den Worten vt versidicus ait einen kleinen Cento aus dem GedichtDe virginitate anführt, und dieser Brief den Erzbischof Theodor als nocham Leben befindlich erwähnt (p. 94, 18 id est Theodoro infula pontificatuxfungenti ab ipso tirocinio rudimentorum in flore philosophicae artis adidto),Theodor aber im Jahre 690 starb (H. Zimmer, Ztschr. f. d. Altert. 32, 202.Ehwald, Festschrift S. 2 n. 1), so muß das Werk De virginitate vor 690abgefaßt sein. Es ist nach dem Vorgang des Sedulius (und des KönigsChilperich) 3 ) in Prosa und in Versen geschrieben. Das Prosawerk zeigteinen ganz besonders schwülstigen Stil und ist öfters von Versen unter-brochen. A. geht hier besonders auf Cyprian. Augustin und Hieronymuszurück und verwertet außerdem Cassian und Gregor den Großen. Da dieSchrift der Äbtissin Hildelitha zu Berking und den ihr unterstellten Nonnengewidmet ist, so wird im Eingang nach einem ganz allgemein gehaltenenLobe der Jungfräulichkeit das geistige Ringen dieser Nonnen gepriesen.Der Verfasser kommt dann auf die Hauptvertreter der Keuschheit unterden Männern sowie auf die berühmtesten Beispiele aus der Frauenwelt zusprechen, und zum Schluß werden die Nonnen ermahnt, allen Kleiderprunkzu vermeiden, von dem in c. 58 eine ausführliche Schilderung gegeben wird.Die Darstellung leidet an Weitschweifigkeit und ermüdender Gleichmäßig-keit, die auch dadurch nicht gehoben wird, daß A. zuweilen durch dieErzählung ganzer Märtyrergeschichten von dem eigentlichen Thema weit
J ) Den Maulbeerbaum kann man un-möglich mit genista bezeichnen, dagegenstimmt alles mit Saturnia carpini.
2 ) Ist Caroliruh. Aug. LXXXV.
3 ) Vgl. Gregorii Turon. hist. Franc. 5,44p. 236 (Arndt) und 6,46.