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1 (1911) Von Justinian bis zur Mitte des zehnten Jahrhunderts : mit Index
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94 Geschichte der lateinischen Literatur des Mittelalters. Erster Teil.

und zugleich der Zusammenhang zwischen antiker Philosophie und christ-licher Spekulation zerrissen. Das Vorbild Cassiodors, der ja die antikeBildung für die Kirche hatte retten wollen und die alte Welthauptstadtauch zum Mittelpunkt für christliche Wissenschaft zu erheben trachtete,war jetzt schon vergessen, trotzdem die letzten Jahrzehnte seines Lebensnoch in die Lebenszeit Gregors fielen.

Während die Werke der früheren Kirchenväter und auch der meistenanderen christlichen Schriftsteller deutlich erkennen lassen, wie hoch manvon christlicher Seite die alte Bildung schätzte und wie man namentlichdarauf ausging, die philosophische Richtung der griechischen Welt derrömischen Christenheit näher zu fübren, so ist bei Gregor hiervon nichtmehr die Rede. An Stelle der früheren begrifflich mehr oder wenigerbegründeten Abstraktion ist die spekulative Imagination oft mit wild sub-jektiver Färbung getreten. Mystik, Aberglauben und Wundersucht über-wuchern jetzt die früher oft so logische und sachgemäße Darstellung unddie Trennung von der höher gebildeten Welt des Ostens wird durch nichtsso scharf gekennzeichnet als durch Gregors wiederholte Versicherung, daßer kein Griechisch verstehe, sowie daß die Griechen seine Worte in ihrerSprache nur ganz unvollkommen wiedergeben könnten. Man fühlt sichhierbei seit Cassiodors Tode doch eigentlich in eine andere Welt versetzt,und wenn man gar erst Gregors Werke mit denen eines Boethius ver-gleicht, so kann man sich doch kaum einen schärferen Gegensatz denken.Diese neue Richtung aber erhielt in dem Wirken der irischen Mönche inBobbio und anderwärts ihre naturgemäße Weiterentwickelung. Denn wennman auf den alten Bobbieser Handschriften sieht, wie jene irischen Mönchebedacht waren, die Werke der klassischen Literatur sorgsam abzuschabenund an ihre Stelle die der Kirchenväter aufzuschreiben, so findet man sichbei diesem Vorgang doch erst durch eine nähere Betrachtung des schrift-stellerischen Wirkens Gregors I. zurecht. Dies letztere kann man daherauch nur in einem gewissen Sinne zur Weltliteratur rechnen, nämlichinsofern, als durch Gregor die in seiner Zeit liegenden Ideen und geistigenStrömungen fixiert wurden, um in solcher Gestalt von Mit- und Nachweltbegierig ergriffen und dadurch ein Ausgangspunkt für das literarischeWirken der nächsten Jahrhunderte zu werden. So gehören Gregors Werkemehr in einem historischen als im ästhetischen Sinne zur Weltliteratur,ihr absoluter Wert ist, gegen die frühere Patristik gemessen, ein erheblichgeringerer. Jedenfalls aber starb in Gregor I. am 11. März 604 einer derbedeutendsten Päpste aller Zeiten, ein Mann, der es unter den schwierigstenUmständen vermocht hat, die der Kirche drohenden Gefahren zu beschwören,ihr Machtgebiet zu erweitern und die eigene Stellung fester zu gründen,als sie je vorher gewesen war.

Zeugnisse. Das Geburtsjahr läßt sich nur annähernd bestimmen, vgl. Dudden.Gregory the Great 1, 3 f. Das Wunder mit Bischof Cerbonius von Populonium, das sichzur Zeit eines Zuges des Totilas gegen Rom (546 oder 549) zutrug, verlegt Gregor in seine Zeit(Dial. 3, 11; Migne 77, 237 A) Vir quoque vitae venerabilis Cerbonius Populonü episcopusmagnam diebns nostris sanctitatis suae probationem dedit . . . Quod dum Gotliorum regi per-fido Totilae nuntiatum fuisset . . . iussit . . . ursis ad devorandnm proici. Sechs Jahre vorseinem Tode schreibt er an Bischof Januarius von Cagliari (MG. Ep. 2, 40, 10) in Ep. 9, 1Paulus apostolus dicit: Seniorem ne -increpaveris; 22 et quid canis tuis parcimus hortamur: