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1 (1911) Von Justinian bis zur Mitte des zehnten Jahrhunderts : mit Index
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Gregor I der Große. 93

während jener kurzen Jahre schon in ihm der Plan zu einem der bedeutend-sten Werke seines Lebens, nämlich zur Christianisierung der angelsächsischenReiche, vorbereitete. Nämlich Benedikt I. erhob ihn zum siebenten Diakonder Stadt und dessen Nachfolger Pelagius IL bestätigte diese Berufung.Bald darauf ernannte ihn der neue Papst zu seinem Vertreter (Apocrisiarius)am oströmischen Hofe und Gregor begab sich daher nach Konstantinopel.Während er dort als Gesandter weilte, schloß er mit dem Bischof Leandervon Sevilla enge Freundschaft, der zu gleicher Zeit die westgotische Kircheam oströmischen Hofe vertrat. Leander forderte ihn damals auf, einenKommentar zum Buch Job zu schreiben, und Gregor ging auf diese Bitteein. Nachdem Gregor etwa von 579 bis 585 im Osten tätig gewesen war,kehrte er nach Rom zurück und wurde kurz darauf zum Abt seines Andreas-klosters gewählt. Damals, vielleicht aber auch schon früher, faßte er denPlan, die Angelsachsen zu bekehren, und er verließ deswegen Rom, wurdeaber schon nach drei Tagen durch Boten zurückgeholt und mußte daherdie Ausführung seiner Absicht auf spätere Zeiten verschieben.

Als nun im Herbst 589 infolge von Tiberüberschwemmungen eine Pestausbrach, wurde Pelagius IL ein Opfer der verheerenden Krankheit, undjetzt wurde Gregor zum Papst erwählt und nach Eintreffen der kaiserlichenBestätigung am 3. September 590 geweiht. Hiermit eröffnete sich für denbedeutenden Mann, der weltliches wie geistliches Leben aus eigner An-schauung genau kannte, ein Feld reichster Tätigkeit, denn sein Pontifikatbegann zu einer Zeit, als die römische Kirche wegen innerer und äußererZwiste und wegen der bedrohlichen Langobardenherrschaft schon längsteine schwere Stellung hatte. Hauptsächlich ist uns diese Tätigkeit durchden sehr ausgebreiteten Briefwechsel Gregors bekannt, von dem sich ver-schiedene Auswahlen erhalten haben. Wichtig freilich für das literarischeGebiet und auch nur mittelbar ist die Bekehrung der Angelsachsen 1 ) ge-worden, die im Jahre 596 durch die Aussendung des Priors Augustinusvon S. Andreas ihren Anfang nahm und den Grund zu der im 7. und8. Jahrhundert so höchst bedeutenden lateinischen Literatur jenes Volkeslegte.

Und auch von Gregors eigner literarischer Tätigkeit läßt sich mehreine mittelbare als unmittelbare Wichtigkeit behaupten. Denn seine Schriftendienen vielmehr dem praktischen, geistlichen Interesse, als daß sie an sichBedeutung haben; letzte erhalten sie eigentlich nur durch die Zeit ihrerEntstehung, und, geschichtlich betrachtet, sind sie bei all ihrem praktischhervorragenden Inhalt doch wohl hauptsächlich durch die Person ihresVerfassers zu dem hohen Ruhme gelangt, in dem sie während des ganzenMittelalters standen. Ihre Form läßt eine höhere grammatische Schulungdes Verfassers meist gänzlich vermissen, der sich darauf sogar nicht wenigeinbildete, daß er den Regelzwang verachtete. So können sich GregorsSchriften, vom literarischen Standpunkt aus betrachtet, in keiner Weisemit den Werken der früheren lateinischen Kirchenväter messen. Mit ihnenist der formale Niedergang der eigentlich christlichen Literatur besiegelt

L o c;

Zur Missionstätigkeit Gregors inEngland vgl. Dudden, Gregory the Great 2, 99159.