Boethius. 33
Einkleidung dem Werke in späterer Zeit zu großem Ansehen verhalf, dasnoch weit höher stieg, als der Ruhm der Psychomachie des Prudentius.Denn man fühlte sich nicht nur veranlaßt, das Werk des Boethius nach-zuahmen, sondern der typologische Sinn des Mittelalters ging auch vorallem darauf aus, es durch größere oder kleinere Kommentare zu erläutern.Aus alledem erklärt sich die fast einzigartige Stellung der Consolatio inder Weltliteratur: sie ist trotz ihres im allgemeinen nichtchristlichen In-halts ein Hauptbuch für die Schule wie für die Wissenschaft gewesen unddie größten Geister des Mittelalters, wie Dante, haben in ihr Trost undErbauung gefunden. 1 ) In allen Reichen des Abendlandes wurde das Werkseit dem 10. Jahrhundert in die Volkssprachen übersetzt und es hat mehrErklärungen erhalten als mancher Kirchenvater; auch zu den geflügeltenWorten hat es beigetragen. 2 )
Mit einer Klage über die Unbeständigkeit alles Irdischen beginnt dasWerk. Dem Trauernden erscheint die Philosophie und verspricht, ihn aufden rechten Weg zu geleiten. Um ihn aus dem Irrsal der Leidenschaftenhinauszuführen, sucht sie in ihm die richtige Auffassung des BegriffesGlück entstehen zu lassen, indem sie die volkstümliche zerstört. Das wahreGlück besteht in der Seligkeit, und deren Vollkommenheit ist Gott, und indem Streben nach Glückseligkeit treffen sich alle Guten. Die Vorsehungleitet alle Wege des Menschen, nur "kann die menschliche Vernunft nichtdie Allgegenwart und Allwissenheit der Gottheit begreifen und der Menschbesitzt einen freien Willen. Zur Gottheit muß sich der Mensch wendenund ihr all das Seine anvertrauen. 3 )
Fortleben der Consolatio. Schon die ältesten Bibliothekskataloge bezeugen dasvielfache Vorhandensein in karolingischer Zeit, nämlich saec. VIII in York, saec. IX inSt. Riquier und Nevers, in Reichenau, Freising, St. Gallen, Lorsch und Murbach. Die Häufig-keit nimmt in späterer Zeit, besonders seit dem 11. Jahrhundert 4 ) zu und übertrifft fastsogar diejenige Vergils und Priscians. Danach muß die Zahl 5 ) der heutigen Hss. eine sehrbedeutende sein. Und dem entspricht auch die sehr häufige wörtliche Benutzung in dermittelalterlichen Literatur, sie erstreckt sich auf das ganze Abendland und alle Jahrhunderte 6 )und beginnt schon mit Julian von Toledo. Die eingestreuten Gedichte reizten auch zurmusikalischen Komposition, wie sich im PsalterLudwigs des Deutschen (Cod. Berol. Meerm. 250s. IX f. lb) die Gedichte I metr. 1, II metr. 5 und III metr. 8 mit Noten eingetragen finden.Vielfach wurde das Werk übersetzt: den Anfang machte, mit Benutzung des Kommentarsvon Asserius, König Alfred der Große von England; bedeutend spätere Uebersetzungen insEnglische schrieben Chaucer vor 1382. John Lydgate vor 1440 und G. Colvile im J. 1556(hrsg. von E. Bax, Lond. 1897). Ins Provenzalische wurde das Werk im 10. Jahrhundertvon einem unbekannten Dichter übertragen; die Reste s. bei Raynouard, Choix despoösies orig. des troubadours t. IL Im Anfang des 11. Jahrhunderts beschäftigte sich Notkerder Deutsche sehr intensiv mit Boethius; nach seinem Brief an Hugo von Sitten übertruger die Consolatio, De trinitate und des Boethius Uebersetzungen von Aristoteles' Kategorien
') Siehe G. A. L. Baur, Boetius undDante (Leipzig 1873) 11 f.. 31 ff. Parad. X, 125erscheint Boethius als L'anima santa.
2 ) Siehe Praechter, Herrn. 42, 169 der0 si tacuisses philosophus mansisses auf II, 7(p. 46, 71 ff.) zurückführt.
3 ) Siehe Hand in Ersch und Gruber XI,285 f., Ebert I, 490 ff.
4 ) Bis ca. 1300 habe ich die Aufschriftengesammelt in Philol. a. alt. Bibliothekskat.S. 130—135.
3 ) Nach Engelbrecht, Wiener SB. 144,Handbuch der klass. Altertumswissenschaft. IX, 2.
III, gegen 400.
6 ) Anfang des Nachweises in PeipereAusg. p. LVI ff. und LX ff. Für die Zitatsaus den poetischen Teilen gab ich weiteresWiener SB. 117, XII. 24—26 und 121, VII,14—18. Nachträge: Hucbaldi musica (Ger-bert SS. eccl. de mus. 1, 201) III metr. 9,10 f.(Tu liquidis); Ecbasis captivi 474 = I metr.1, 11 (Iam temp.); vgl. außerdem die Notenin Poet. lat. aevi Carol. I — IV. Walter Mapesde nug. cur. V, 7 (ed. Wright p. 241) IIImetr. 9, 3. 3