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Geschichte der lateinischen Literatur des Mittelalters. Erster Teil.
beide Traktate sind von A. Mai, Class. auct. III, 317 als neu herausgegeben worden. 1 ) MitUnrecht wurde dem Boethius im Mittelalter die dem Marius Victorinus gehörende SchriftDe defmitionibus beigelegt, s. Teuffei § 408, 2 und Schanz IV, 1, 142a; in den alten Kata-logen von Toul s. XI und bei Richard von Fournival wird das Werk übrigens dem Boethiuszugeschrieben.
9. De consolatione philosophiae. In den bis jetzt genanntenWerken des Boethius läßt sich doch nur ein gewisser wissenschaftlicherSinn und der Trieb des Verfassers erkennen, sein Zeitalter zu belehren.In dem letzten Werk aber, das er über die Tröstung der Philosophie schriebund das zugleich sein Lebenswerk wurde, offenbart der vornehme Römerseinen Standpunkt, den er gegenüber Gott, der Welt und den Menscheneinnimmt. Es ist sein Glaubensbekenntnis, das er angesichts des Todesmit ziemlicher Breite und dem Geschmack der Zeit gemäß ausführte, umes der Nachwelt gleichsam zu seiner Rechtfertigung zu hinterlassen. DasBekenntnis ist, wie es bei dem philosophisch veranlagten Manne kaumanders zu erwarten war, philosophisch gehalten, obwohl Berührungspunktemit der christlichen Lehre, zu der sich ja Boethius bekannte, keineswegsfehlen, wie von Ebert (I, 496 n. 2) mit vollem Recht gegen Nitzsch (DasSystem d. Boethius etc., Berl. 1860) dargetan wurde. 2 ) Die Grundstimmungist neuplatonisch, 3 ) aber ihre Vermischung mit christlichen Tönen gibt demWerke eine höchst eigenartige Tonfarbe. Man hat sie im Mittelalter einesChristen für würdig gehalten, wenn es auch später nicht an Erklärernfehlte, die stärkere Abweichungen von der christlichen Lehre in dem Bucheerkannten; da man aber allgemein daran festhielt, daß Boethius ein Opferdes arianischen Gotenkönigs gewesen sei, so tritt uns die eigentümlicheTatsache entgegen, daß diese letzte bedeutsame Äußerung der antikenPhilosophie auf römischem Boden in der gesamten abendländischen Weltals Ausfluß der hohen Bildung eines christlichen Geistes angesehen wurdeund zu allen Zeiten des Mittelalters Auslegungen durch bedeutende Männerder Kirche erhielt. Allerdings mag hierbei ein äußerlicher Umstand mit-gewirkt haben. Das Buch ist nämlich in einer Form geschrieben, die sichder späteren Zeit ungemein empfahl, der Dialog wechselt mit der durchMartianus Capeila typisch gewordenen Form der satura Menippea ab, d. h.die Wechselrede zwischen Boethius und der Philosophie wird am Endeder einzelnen Abschnitte durch Gedichte unterbrochen. Diese Gedichte,an Zahl 39, zeigen fast alle verschiedene Metren und mußten sich dadurch,daß sie an Vielgestaltigkeit weit über Horaz und Prudentius hinausgehen,dem Mittelalter sehr empfehlen. Und hierzu kommt, daß die allegorische
s.XII zu St. Amand genannt (Delisle 2,453)168 ... de communi speculatione rethoricaecognationis, de locorum rethoricorum distinc-tione. Diese Hs. ist heute Valentian. 388 s. X.
») Siehe G. Schepss, Philol. 55, 727 ff.über die hs. Ueberlieferung.
2 ) Besonders war hier auf das berühmteGebet III carm. IX zu verweisen, dessenTerminologie auch im einzelnen durchauschristlich erscheint, s. 2 ,Terrarum caeliquesator', 3 jStabilisqne meinem das euneta moveri';oder I carm. V, 1 conditor orbis, III carm.
VI, 1 ff. So hat auch Hüttinger (StudiainBoethii carmina collata LH. Regensb.1900,1902) die Anlehnung des Boethius an Optatian,Prudentius, Avitus und besonders an Dracon-tius (II p. 12—20) erwiesen. Auch das Mittel-alter nahm bei Boethius deutlichen Hinweisauf das Christentum an, wie die KommentareBovos II von Korvei und Adalbolds von Ut-recht zu Cons.phil. III carm. IX bezeugen.
3 ) Die Anführungen aus Plato s. ed.Peiper p. 240. Hinweise auf Aristoteles gibtJ.B. Sandys, Hist.of class. scholarship S.241.