Einleitung. 21
und Britannien, wo die häufig auftretenden Achtsilber eine Besonderheitder Angelsachsen zu sein scheinen. In Bezug auf den Stoff finden wirin der rhythmischen Poesie ebenso Gelegenheitsgedichte wie Dichtungenreligiösen und profanen, ja sogar wissenschaftlichen Inhalts. Charakteristischfür die Rhythmen scheint der Reim ,zu sein, obwohl auch hier in denfrüheren Zeiten noch völlige Freiheit herrscht und nur die zu Strophenverbundenen Verse ihn gewöhnlich zeigen. Auch der hexametrischenPoesie war der Reim keineswegs fremd, das Homoioteleuton ist unstreitiggehört worden, aber es erscheint als keine Notwendigkeit. Der Reimverband in den Hexametern die von der Cäsur getroffene Silbe mit derEndsilbe, im Pentameter die Endsilben der Vershälften und er zeigt sichüberall, allerdings in verschiedener Häufigkeit; auch zeigen viele Distichendurchgehenden Reim. Ferner entbehrt diese Dichtung auch des Tiraden-reims nicht, der zwei, drei oder mehr Verse am Ende verbindet. Diesertritt nun in der rhythmischen Dichtung sehr stark hervor, ohne ihn istsie in späteren Zeiten nicht denkbar. Neben dem Reim macht sichwenigstens in der britannisch-angelsächsischen Rhythmik die Alliterationgeltend, und zwar in solcher Weise, daß man gemeint hat, diese poetischeFigur sei von der lateinischen Dichtung erst in die germanische Poesieder Angelsachsen übergegangen. Andere Figuren der späteren Poesie, wiedie Akrostichis, x ) die Epanalepsis 2 ) und die Versus anacyclici oder recur-rentes sind aber auch der früheren Dichtung nicht fremd und gehörenmehr in das Gebiet der Spielerei.
Übersieht man das ganze Gebiet kurz, so erblicken wir zwar in Italienund Gallien, den alten Hauptländern römischer Literatur, fast nach allenRichtungen hin einen starken Verfall. Aber das Christentum hatte sichneue Gebiete erobert und neben Spanien ging gerade von diesen eine ArtWiedergeburt aus, also im allgemeinen von den Ländern, in denen sichdie germanischen Eroberer festgesetzt hatten. Wohl trugen zuerst Britenund Iren infolge der Aufnahmefähigkeit ihres Wesens für die fremdeKultur nicht wenig zu deren Erhaltung bei, aber die Gebiete der West-goten und der Angelsachsen waren es doch hauptsächlich, von denen einbreiterer Strom der alten Bildung sich wieder auf die früheren Kultur-länder ergoß. Und wieder sollte es ein germanisches Volk sein, bei demdiese Renaissance sich am glänzendsten entfaltete und die bedeutendstenFolgen für die Zukunft haben sollte, die Franken. Die literarische Er-hebung im Frankenreiche trat freilich erst nach der Konstituierung derfränkischen Macht zu einem Großreiche ein, und die Betrachtung dieser Ver-hältnisse wird uns erst im nächsten Abschnitt beschäftigen, wenn wir zurEntwicklung der römischen Literatur in der karolingischen Zeit gelangen.
') Hierzus.Teuffel-Schwabe 5 §26,3;Optat. Porflr. Carm. XIII. Damasi Carm. IV.V.Commodiani Instr. II, 39. Fortunati Carm. III,5. IX, 5. Columban. ad Hunaldum. Aldhelmipraef. de laud. virg. und praef. aenigm.
2 ) Hierzu s. schon Ovid. Am. 1, 9, 1 f. III,2. 27 f. Trist. IUI, 3, 77 f. Rem. 385 f. und Mar-tial.V. 61, 1 f. VIII, 21, 1 f. IX, 97 (ganz): XI,
70,1 f. Ferner Teuffel-Schwabe 5 § 26,4und Maximian I, 177 f. III, 5 f. — Zu diesenSpielereien sind auch die aus ungebührlichlangen Worten bestehenden Verse zu rechnen;aus drei Versen bestehen Ovid. Fast. II, 43.Iuvenc. evang. IV, 193. Optat. Porflr. XV, 3 f.Avien. Arat. 450. Apoll. Sidon. Carm. I, 507.V, 184. 455. VII, 536. XV, 43.