Boethius. 23
Boethius damals das Quadrivium x ) behandelt und war von dort zur Philo-sophie übergegangen, 2 ) der er nun seine ganze Muße zugewendet zu habenscheint. Eines seiner Erstlingswerke auf diesem Gebiete ist jedenfalls dieDoppelbearbeitung zu Aristoteles jteqI egiurjveiag. Hier erwähnt er nämlichin der Vorrede zum zweiten Buch der zweiten Ausgabe sein philosophischesProgramm: er trage sich mit der Absicht, alle Werke des Aristoteles,deren er habhaft werden könne, zu übersetzen und mit lateinischer Er-klärung zu begleiten, sowohl die logischen als auch die ethischen undnaturwissenschaftlichen; ebenso wolle er die sämtlichen Dialoge Piatosübersetzen und kommentieren. Als Endziel der Arbeit schwebe ihm abereine Erörterung der Systeme beider Philosophen vor, wobei es ihm besondersauf den Nachweis der Übereinstimmung ihrer hauptsächlichen Ideen an-komme. Das war ein großer und weitreichender Plan, der allerdings einlängeres Leben voraussetzte, als dem Boethius vergönnt war. Des Griechi-schen war Boethius nach Cassiodors Urteil 3 ) in hohem Maße kundig unddie Nützlichkeit von Übersetzungen griechischer Werke lag auf der Hand,sie wurde immer mehr zur Notwendigkeit. Eine solche philosophischeEnzyklopädie 4 ) mußte aber ganz nach dem Sinne Cassiodors sein, und esist der Gedanke kaum abzuweisen, daß Boethius hierbei von diesem bestärktund gefördert wurde. Freilich ist nur ein kleiner Teil des Planes zur Aus-führung gelangt, da Boethius über die logischen Schriften des Aristotelesund einiges damit Verwandte nicht hinauskam. Es lassen sich in dieseneigentlich philosophischen Arbeiten drei größere Gruppen scheiden, zudenen als frühere vierte die Betätigung mit den Wissenschaften desQuadriviums, eingerechnet ein verlorenes Werk Physica, hinzukommt. Dieerste behandelt das Elementarwerk des Organon und enthält die Lehrevon den Grundbegriffen. Hierzu gehört der Dialog zur Porphyriusüber-setzung des Victorinus, die fünf Bücher Kommentare zu Boethius' eignerÜbertragung des Porphyrius und die Bearbeitung der Categoriae von Ari-stoteles. Die zweite Gruppe umfaßt die Werke mit der Lehre vom Schluß,Urteil und apodiktischen Beweis nach den aristotelischen Schriften neoligjiu]Qeiag, die Boethius kurz und elementar und dann ausführlicher undmehr wissenschaftlich kommentierte, und ävakvrixd jigorega und vorega. Inder dritten Gruppe endlich behandelt Boethius den dialektischen Beweis undseine Anwendung in der Rhetorik, wobei er von der Topik des Aristotelesausging, die er in acht Büchern erklärte; von den Sophistici elenchi ginger dann über zur Erklärung der Topica Ciceronis und zu der Schrift De
') S. Brandt (Boeth. in isag. Porph. com-menta p. XXIX) läßt ihn seine mathematischenSchriften wohl richtig um 500 beginnen. DerAusdruck findet sich hei Sigebert de Script,eccl. 32 (ed. Miraeus p. 124) et quadrivium deGraeco transtulit. in einer alten Aufschrift vonPrag 1370 (Serap. 11 Intelligbl. 76) QuadriviumBoecii; Boethius selbst gebraucht ihn {qua-
100 b steht Hüne librum primum de quadri-vio Boecius transtulit de greco in latinnm se-cutus quosdam Grecorum sapientes maximeNicomachtim etc.
-) Vgl. Boethii in isag. Porph. commentaed. Brandt p. XXVIlIf. und n. 30.
3 ) Auch Ennodius rühmt seine Sprach-kenntnisse, s. Ennod. ed.Vogel p. 268,16—21.
druvium) inst, arithm. 7, 25 und 9. 28 Fr. (Er- 4 ) DieAusführungselbstwirdvonPrantL
läuterungen hierüber bei M.Cantor, Math. Beitr. | Geschichte d. Logik i. Abendlande 1,681 scharfz. Kulturleben d. Völker S. 183 ff.). In einemScholienwerk zu B. im Monac. 4643 s. XIII f. I