20 Geschichte der lateinischen Literatur des Mittelalters. Erster Teil.
noch Dracontius mythologische Stoffe behandelt, aber diese letzten Aus-läufer der Heldendichtung tragen doch ein ganz schulmäßig-rhetorischesGepräge, sie war im allgemeinen in der Umdichtung biblischer Bücheraufgegangen und hatte sich zugleich der Verherrlichung von Heiligenbemächtigt. Diese christliche Epik, die auch in unserer Periode noch vonArator fortgesetzt wird, fließt also in gewissem Sinne mit dem Lehrgedichtzusammen, das ja in der Spätzeit einen großen Teil der Dichtung über-haupt begreift; waren doch sogar Grammatik (Terentian) und Medizin(Serenus und Marcellus) in die Dichtung hineinbezogen worden. Auch derpoetische Brief war eine nicht zu unterschätzende Form der Darstellunggeworden, wie Ausonius und Paulinus gezeigt hatten. Und welche Mengevon kleinen Stoffen sich dichterische Behandlung gefallen lassen konnten,zeigt die Umarbeitung der afrikanischen Anthologie im Salmasianus.Jedenfalls war aber die Erlernung der Poesie vom grammatisch-rhetori-schen Standpunkte aus noch in der Spätzeit ziemlich allgemein, sie gehörteja auch noch bei den Angelsachsen zur höheren Bildung. Da die poetischeSprache durch berühmte Vorbilder längst geprägt war, konnte man sichin ihr unter Beachtung der metrischen Regeln bald zurechtfinden. Unddaher kommt es,' daß wir noch so spät durch Vorbilder vortrefflich ge-schulte Dichter wie Maximian und in unserer Periode Coripp antreffen,deren Formengewandtheit so groß ist. Aber schon wenig später als diese,denen sich der in den Formen spielende Eugenius von Toledo anschließt,lebt Fortunat, dessen Gedichte insofern von wesentlich anderem Charaktersind, als sie alle erlebt und teilweise auch von ihm persönlich vorgetragenwurden; bei ihnen ist nichts von der alten Rhetorik und den früherenKunstmitteln zu spüren. Fortunat ist der erste Vertreter der mittelalter-lichen Dichtung, die aus der Gegenwart schöpft und Selbsterlebtes dar-stellt. Dieser Typ pflanzt sich auf die Angelsachsen fort, deren Rätsel-dichtung zum Teil in überraschendem Maße naturwahr und lebensvoll ist.Seit jener Zeit behält die Dichtung auch in lateinischem Gewände denCharakter des gegenwärtigen Lebens und Denkens, die alte Hohlheit istglücklich überwunden.
Neben die metrischen Formen der Poesie haben sich längst die volks-tümlichen gesetzt, in denen das quantitierende Prinzip von dem akzen-tuierenden überwunden worden ist. Diese Rhythmen werden seit alterZeit gedichtet, sind aber von den metrischen Kunstformen verdrängt worden,bis sie von den auf das Volkstümliche gehenden christlichen Anschauungenwieder in ihre Rechte eingesetzt werden. Jedenfalls hat die Hymnenpoesiezu dieser Änderung wesentlich beigetragen, aber das metrische Elementhatte sich doch so fest in die römische Dichtung eingelebt, daß diemeisten der aus griechischem Vorbild gewonnenen Kunstformen Substratefür die Rhythmen werden und man ebenso von iambischen und trochäischenRhythmen wie von rhythmischen Hexametern sprechen kann. 1 ) Rhyth-mische Poesie zeigt sich ebenso in Italien und Gallien, wie in Spanien
Commodian.
') Man vgl. hierzu die ausgedehnten hexametrischen Rhythmen des gallischen (?) Dichters