Einleitung. \ 7
Beeinflussung durch die Volks- und Alexandersage, und wer die Kosmo-graphie des Äthicus Ister zur Hand nimmt, um daraus zu lernen, wirdsich sehr enttäuscht finden über den fabulosen und märchenhaften Inhalt,der sich nur noch in seltenen Fällen an die wissenschaftliche Darstellungetwas anlehnt und in seiner freien Erfindung noch manches ungelösteliterar- und kulturhistorische Rätsel birgt. Auch die Volksgeschichtenglauben der Geographie fast entraten zu können, trotzdem ja hier dieGelegenheit zu geographischen Exkursen reichlich geboten war, und mansieht, daß die Verbindung dieser Wissenschaft mit der Gesehichtschreibung,wie sie zu den Zeiten eines Cäsar, Sallust und noch eines Orosius geübtwurde, jetzt ganz in Vergessenheit kam. Auch hierin hat erst das karo-lingische Zeitalter Abhilfe geschaffen.
Für die Mathematik und die Naturwissenschaften hatte manin Rom niemals ein solches Interesse gehabt, daß man an eine selbständigeWiederanknüpfung an die Griechen hätte gehen können. Hier überwogdurchaus der Sinn für die praktische Verwertbarkeit, die man bei derMathematik in der Astrologie und in der Feldmeßkunst fand, so daß dereigentliche Weiterbetrieb der Mathematik gänzlich erlahmte, seitdemBoethius im Anfang unserer Periode Übertragungen von Nicomachus undEuklid x ) veranstaltet hatte. Hingegen wurden die Schriften der Feldmesser,vielleicht um einiges vermehrt, in einem Corpus zusammengestellt, vondem sich in mehreren Handschriften ansehnliche Reste erhielten; und auchdie astronomisch-astrologische Literatur, die hauptsächlich an Schriftenüber Arat in griechisch geschriebenen Traktaten angeknüpft hatte, kamüber die Übersetzung dieser Traktate kaum hinaus. Nur die christlicheChronologie erfreute sich mehrfacher Behandlung, da ja die Rechnung nachJahren Christi in der alten römischen Konsuldatierung nun folgen mußte,seit unter Justinian die Konsuln nicht mehr ernannt worden waren, undda die Berechnung des Osterkanons und danach der übrigen Feste um-ständliche astronomisch-chronologische Aufstellungen notwendig machte;Spanien schloß sich übrigens der von Dionysius Exiguus ermitteltenRechnung nicht an, sondern behielt für lange Zeit seine eig*ene Ära, dieachtunddreißig Jahre mehr als die dionysische zählt. Erst in der karo-lingischen Zeit finden wir neue Behandlungen oder wenigstens Gruppierungendes überlieferten Stoffes in der Geometrie und der Feldmeßkunst. Nochungünstiger lagen die Verhältnisse für die Naturwissenschaften. Daß manhierfür nur wenig Interesse hatte, ergibt sich daraus, daß fast alle Werkeaus der älteren Zeit verloren gingen und sogar von der jedenfalls tüchtigenEnzyklopädie eines Celsus nur die Bücher über Medizin gerettet wordensind. Das Werk des Plinius, frühzeitig sehr stark benutzt, hat sich er-halten, freilich ist die Überlieferung nicht älter als die karolingische Zeitund reicht nicht an die Zeit heran, in welcher große Stücke aus demWerke mit anderen Bestandteilen im 8. Jahrhundert zu einem großen
') Eine andere Uebersetzung wird in mit-telalterlichen Katalogen häufig genannt, be-sonders mit dem Kommentar des JohannesCampanus. Die Uebersetzung von Heron fandHandbuch der Mass. Altertumswissenschaft. IX, 2
sich bei Richard von Fournival 1250 (Delisle,Le cab. des mscr. 2, 530 N. 95) Item excerptade libro Heronis de specialibus ingenüs.