Druckschrift 
1 (1911) Von Justinian bis zur Mitte des zehnten Jahrhunderts : mit Index
Entstehung
Seite
16
Einzelbild herunterladen
 

16 Geschichte der lateinischen Literatur des Mittelalters. Erster Teil.

Sodann die Biographie. Sie war im Altertum in eine Kunstformgebracht worden und bezog sich besonders auf politisch und literarischbedeutende Männer. Innerhalb der christlichen Welt aber änderte sieForm wie Inhalt und knüpfte vielleicht in Nachahmung des evangelischenBerichts an die Prozeßakten der Märtyrer an. Anfänglich bewahrte sieein festeres, dem Altertum entnommenes Gepräge, und man kann z. B.der Vita Martini des Sulpicius Severus eine gewisse Kunstform nicht ab-sprechen. Der erbauliche Charakter aber, den die christliche Biographieannahm, brachte es mit sich, daß unter Vernachlässigung der Form dasHauptgewicht auf die vielen guten Werke und Wunder gelegt wurde, dieder Held verrichtet haben sollte. Dadurch kam ein legendenhafter Zugin die Produkte dieser Literaturgattung, und die Biographie artete in denHeiligenroman aus, der in Prosa wie in Dichtform zu einer im Mittelalteraufs höchste geschätzten Literaturgattimg wurde. Freilich eine sehr großeMenge der nach Tausenden zählenden Heiligenleben in der gewaltigenBändereihe der Acta Sanctorum bestehen vor der chronologischen wiesachlichen Kritik nicht. Ein literarisches Interesse haben diese Werkeohnehin fast nicht, und sie werden in unserer Darstellung also auch inseltenen Fällen und meist nur dann erwähnt werden, wenn ihre Verfasserliterarisch wichtige Erscheinungen sind. Endlich sind die Jahrbücher oderAnnalen zu nennen, die sich an die Ostertafeln anschlössen, indem manan deren Rand zu den einzelnen Jahren die wichtigsten Ereignisse ausder heimischen politischen und Kirchengeschichte eintrug. Dieser Gebrauchfindet sich, da Beda solche Tafeln berechnet hatte, zuerst auf englischemGebiet und verbreitete sich mit den englischen und irischen Missionarenauf das Festland. Zu einer Kunstform wurde diese Art geschichtlicherAufzeichnung freilich erst in der karolingischen Zeit; ihr Entstehungsortist das Kloster und auf dieses blieb sie beschränkt.

Gegenüber der immerhin nicht unbedeutenden Historiographie tritt diemit der Fachgelehrsamkeit verbundene Literatur meist stark zurück. Dasergaben die Verhältnisse selbst, denn die vielfältigen neuen Reichsgründungenluden unbedingt mehr zur Geschichtschreibung ein, während die mit ihnenverbundenen gewaltigen Kämpfe die wissenschaftlichen Studien so zurück-drängten, daß schließlich die Klöster allein die Asyle für den Fortbetriebder Wissenschaft wurden. Aber es wurden doch auch hier nur noch dieWissenschaften gepflegt, die für den Kleriker notwendig waren, und auchdiese schrumpften unter der Ungunst der Zeiten auf die Anfangsgründeder Chronologie und der Grammatik zusammen. Zunächst hing mit derGeschichtschreibung die geographische Darstellung zusammen, die beiden Römern schon in früheren Zeiten wegen des aus ihr sich ergebendenpraktischen Nutzens beliebt gewesen und später auch in der Form desLehrgedichts behandelt worden war. Sie trat aber jetzt, wenigstens inernsthaftem Gewände, fast ganz in den Hintergrund, vielmehr verbandsie sich aufs engste mit Sagen und Märchen und lehnte sich einerseits andie mit solchen Stoffen reichlich versehenen Volksgeschichten, anderseitsaber an das wichtigste Schulbuch, Isidors Etymologien an. So verkümmertdieser früher so wichtige Zweig der Literatur fast vollständig unter der