Einleitung. 15
entstanden, von denen noch Begünstigung der Literatur ausgeht; anderesind im Werden begriffen, während die früheren infolge von großen politi-schen Ereignissen wieder verschwinden. Wie bedeutend treten z. B. Afrikaund Spanien noch hervor, aber der Islam hat diese vielversprechendeNachblüte der römischen Literatur völlig geknickt, und mehrerer Jabr-hunderte bedurfte es, um in Spanien, allerdings unter ganz verändertenVerhältnissen, das Studium der Werke des Altertums neu hervortretenzu lassen.
Am klarsten offenbaren sich die neuen Zustände natürlich in derGeschichtschreibung. Seit der Zertrümmerung des Imperiums ist dasInteresse am großen Reich und seiner alten Einheit völlig gewichen, esgibt keine Reichsgeschichtschreibung mehr, der Sonderstandpunkt machtsich geltend. So entstehen zwar bei den Ostgoten, Franken, Westgotenund Angelsachsen unter Anschluß an die Werke aus der früheren Kaiser-zeit und an Orosius und Sulpicius Severus geschichtliche Werke von teil-weise einziger Bedeutung, aber man geht dabei über die Grenzen deseigenen Landes kaum hinaus; und dabei ist das Papsttum noch nichtin die wichtige Stellung hineingewachsen, als daß man etwa römischeVerhältnisse besonders berücksichtigt hätte. Fast überall sieht man die-selben divergierenden Tendenzen, die sich besonders breit machen bei demÜberwuchern der Geschichte mit Sage. Dafür bot schon die alte römischeHistoriographie ein rechtes Vorbild, das jetzt in anerkennenswerter Weiseeingeholt wurde. Fast überall beginnen die Volksgeschichten mit aus-führlicher Fixierung der Stammessage, deren Kritik auch nirgends ver-sucht wurde. Außerdem aber weben sich häufig in die eigentliche Geschichts-darstellung Volkssagen hinein, die sich meist durch den Ton ihrer Erzählungvon dem Geschichtsstil deutlich abheben. Dabei fehlt es nicht an plumpenFälschungen, denn wie sich die Franken als die Erben des römischenReiches betrachteten, so dichteten sie sich schon im 7. Jahrhundert tro-janischen Ursprung an, eine Fiktion, die im späteren Mittelalter durchandere an Keckheit allerdings noch übertroffen wird. Mit der völligenAuflösung der alten Kunsthistoriographie hängt aber nicht nur die Bevor-zugung der Sage, sondern auch die rein äußerlich gehaltene Erzählungund die schlechte Berichterstattung zusammen, die infolge der Kritiklosig-keit des Autors wie seiner Leser so häufig eintritt. Nur in der christ-lichen Literaturgeschichtschreibung zeigt sich eine etwas höhere Auf-fassung, da hier das Vorbild des Hieronymus und des Gennadius, an derenWerke man anknüpfte, lebendig blieb; schließlich freilich versiegte auchdieser Quell in den Händen des Ildefons völlig. In all diesen Beziehungenmacht eigentlich nur Beda eine merkwürdige und rühmliche Ausnahme,seine geschichtlichen Werke sind mustergültig zu nennen. Aber auch dieKirche selbst hat mehrere Zweige der Geschichtschreibung hervorgebracht.Nämlich zuerst die Chronik, die sich anfänglich stets an ein Kloster oder einBistum und erst in viel späteren Jahrhunderten an eine Stadt anschließt;auch die an Orosius, Prosper, Isidor und Beda anknüpfenden größerenVersuche zur Universalgeschichte in den Weltchroniken setzen erst inkarolingischer Zeit ein.