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1 (1911) Von Justinian bis zur Mitte des zehnten Jahrhunderts : mit Index
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Geschichte der lateinischen Literatur des Mittelalters. Erster Teil.

und die in ihren hauptsächlichen Momenten von den Angelsachsen übernommenwurde. Das Andenken an die mehr im stillen wirkenden Iren hat sich inOstfranken lange erhalten, so daß nicht wenige von den ostfränkischenMissionaren in ihren Lebensbeschreibungen Iren genannt werden, trotzdemsie zu diesem Volke gar nicht gehörten. 1 ) Das steht nach alledem fest,daß die Iren an der Hebung der geistigen Verhältnisse nicht unbedeutendAnteil genommen haben, aber auch, daß sie meist von den ihnen folgendenAngelsachsen aus dem Sattel gehoben worden sind. Nur auf dem so vonder Kirche vorbereiteten Boden konnte im Frankenreiche in seiner vollenAusdehnung Bildung und höheres Wissen gedeihen. Und es ist für diedamaligen Verhältnisse typisch, daß die ersten Karolinger überhaupt keinerhöheren Ausbildung teilhaftig wurden und nicht schreiben konnten. Esmacht daher einen seltsamen Eindruck, daß Papst Paul I. an König Pippineine Sendung griechischer Bücher schickte. 2 ) Das war nur eine Aufmerk-samkeit, denn lesen konnte Pippin nicht, und es ist kaum anzunehmen, daßsich ein Gelehrter an seinem Hofe fand, der die griechischen Werke hätteübertragen können. Es wäre jedenfalls interessant zu erfahren, ob dieAufforderung zu dieser Sendung vom Hofe ausging. Jedenfalls war dieSachlage in Bezug auf Bildung und Wissenschaft keine günstige zu nennen,als Karl der Große die Herrschaft antrat. Wohl gab es schon an vielenOrten Keime zu einer neuen Bildung, aber sie lebensfähig zu machen, siezur Entwicklung zu bringen und sie zu einer Einheit zusammenzufassen,dazu bedurfte es eines für jene Zeiten ganz ungewöhnlichen Geistes undungewöhnlicher Herrscherinacht.

Soviel kurz über die allgemeine Lage. Es erübrigt noch, einiges überden Fortbestand und etwaige Neuentwicklung der Literatur in unsermZeitraum hinzuzufügen. Infolge des Sieges des Christentums und derDurchsetzung des Reiches mit Barbarenstämmen war der nationalrömischeGeist längst zum Weichen gekommen, aber mehrere eigentlich römischeElemente waren der lateinischen Literatur treu geblieben und traten viel-leicht durch deren Verchristlichung jetzt teilweise in noch kräftigererErscheinungsform auf als früher. Hierzu sind vor allem das lehrhafteMoment und die Vorliebe für dichterische Formen zu rechnen. Eine ge-wisse didaktische Behandlungsweise literarischer Stoffe kennzeichnet jaschon größere Partien des älteren römischen Schrifttums und eine spielendeLeichtigkeit in der Hervorbringung von Versen machte sich in der späterenZeit immer mehr geltend. Aber auch hierbei kann man in unserem Zeit-raum nicht mehr von einer nationalen Literatur sprechen, sowenig wieman diese von der christlichen noch scheiden könnte. Unter dem Einflußder Germanenstaaten und des Christentums sind mehrere große Mittelpunkte

!) Siehe Wattenbach 7 1, 135.

2 ) MG.Epist.3, 529, 20 (im Cod. Carolinus,Jahr 758763) Direximus itaque excellentis-sime praecellentiae vestrae et libros quantosreperire potuimus, id est antiplionale etresponsale insimul artem grammatlcam Ari-stolis, Dionisii Areopagitis geometriam, ortho-grafiam, grammaticam, omnes Ch-eco eloquio

scriptos, necnon et horologium nocturnum. DasWerk des Dionysius Areopagita ist erst nacheinem Jahrhundert für die abendländische Weltdurch die Uebersetzung des Johannes Eriugenaverständlich geworden. Vgl. zu diesen griechi-schen Hss. Pauls I. H. Steinacker, Fest-schrift Theodor Gomperz S. 341.