12 Geschichte der lateinischen Literatur des Mittelalters. Erster Teil.
Irland getriebenen Studien auf den englischen Boden. Aber im SüdenEnglands hatte seit 597 die römische Kirche die Christianisierung in dieHände genommen. Das war der Lieblingsplan Gregors des Großen, derhier zur Ausführung kam, und schon aus diesem Grunde ist es unmöglich,mit der Einführung des Christentums in England zugleich an einen Importantiker Bildung zu denken; denn diese war dem Papste ein Greuel. Übrigensgerieten die irische und die römische Kirche wegen der abweichendenOsterbestimmung der Iren frühzeitig in Streit auf dem fremden Boden,aber beide betrieben das Bekehrungswerk in England, bei dem die Irenanfänglich mehr Glück hatten als die römischen Sendlinge. Erst die Synodevon Whitby 664 machte zwar der irischen Unabhängigkeit in England einEnde, aber es gelang doch den Schülern Aidans, sich der meisten im Landeerrichteten Bischofssitze zu bemächtigen, und Irland blieb nach wie vorfür die Angelsachsen das heilige und gelobte Land mönchischer Bildung:trotz der römischen Vorherrschaft in England behauptete die irische Kirchein England den ersten Bang und brachte den Klerikern die grammatischeSchulung und die mathematischen Grundbegriffe bei, die zur Osterbestimmungnotwendig waren. Erst seit dem Jahre 669 änderten sich die Verhältnisseauf der britannischen Insel. Damals kamen nämlich zwei Männer nachEngland, deren Wirksamkeit bald die Tätigkeit der Iren fast in den Schattenstellen sollte. Der aus Afrika gebürtige Hadrian, Abt eines Klosters beiNeapel, begleitete seinen zum Erzbischof von Canterbury erhobenen FreundTheodor, der in Tarsus in Cilicien geboren war und in Athen studierthatte, bevor er in Bom als Priester ordiniert wurde. Beide waren in derkirchlichen wie profanen Literatur zu Hause und verstanden Griechisch 1 )und bald versammelten sie eine Menge Schüler um sich, die bei ihnen dieBegeln der Metrik und die Lehrsätze der Astronomie und der für denkirchlichen Gebrauch notwendigen Mathematik lernten. 2 ) Dadurch erhobensich die Studien des Altertums in England zu selbständiger Bedeutung.Unterstützt wurden sie namentlich dadurch, daß Benedictus Biscop vonseinen vielfachen Beisen auf den Kontinent eine Menge Bücher in dieHeimat mitbrachte und auf diese Weise den sicher nicht geringen Bücher-bestand, der von Theodor und Hadrian in Canterbury begründet wordenwar, ansehnlich vermehrte. Man ist darüber allerdings nicht genau unter-richtet, doch läßt sich aus der großen Zahl von klassischen Werken, dieAldhelm in seinen Schriften anführt, ein ungefähr richtiges Bild von dembedeutenden Bücherimport gewinnen, der sich in den letzten Jahrzehnten des7. Jahrhunderts nach England richtete. Aldhelm steht an der Grenze zweierZeiten, in seiner Jugend erhielt er noch den Unterricht des Iren Maeldubhin Malmesbury, später der beiden großen Gelehrten in Canterbury; mitihm beginnt eine neue Epoche der lateinischen Literatur bei den Angel-sachsen, die von Beda über Bonifaz zu Alchvine führt. Doch der letzteregehört seiner Jugendbildung nach zu einer andern Umgebung, er ist derbedeutendste Schüler der neu entstandenen Schule von York und ist inseinem Wirken erst in der nächsten Periode zu würdigen.
') Hierzuvgl.H.Steinacker,Festschrift j 2 ) Vgl. Beda, Hist. eccl. 4,1. 2. Roger
Theodor Gomperz S. 341. | a. a. 0. S. 286 ff.