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Geschichte der lateinischen Literatur des Mittelalters. Erster Teil.
der Insel auch das Lateinisch nie zum Siege, und nur der Kirche scheintdiese Sprache ihr Weiterleben auf der Insel zu verdanken zu haben. DieKirche aber ward im 4. Jahrhundert in Britannien fest begründet und daßsie mit der gallischen nähere Beziehungen hatte, ergibt sich deutlich ausder Missionstätigkeit des Germanus von Auxerre und des Lupus von Troyesgegen den britannischen Pelagianismus. Jedoch in viel größerer Isolierungvom römischen Einfluß hatte sich Irland befunden, das niemals zum Im-perium gehört hatte und erst durch seine Christianisierung in nachhaltigeBerührung mit Rom und mit dessen Sprache und Literatur gekommen ist.Irland empfing aber das Christentum höchst wahrscheinlich aus Britannienund zwar schon vor der Zeit des Patricius, der selbst aus Britannienstammte. Dabei haben aber jedenfalls gallische Einflüsse mitgewirkt, wieja das Antiphonar von Bangor auf gallischer Grundlage beruht; jedochläßt sich nicht erweisen, daß die Iren in den ersten Jahrhunderten ihrerChristianisierung sich den klassischen Studien zugewendet hätten. Aufdie Bestrebungen der britannischen Kirche fällt erst einiges Licht durchdas Leben Iltuts, des Lehrers von Gildas; er trieb mit seinen Schülernneben den kirchlichen Wissenschaften auch die sieben freien Künste, undauf diesem Wege erklären sich die klassischen Zitate im Werke seinesSchülers Gildas. Vielleicht leiten Spuren von hier zur irischen Kirche, inwelcher im 6. Jahrhundert das Mönchswesen stark um sich griff, abernoch in dem Hymnus Altus prosator 1 ) zeigt sich nicht die geringste Be-rührung mit der klassischen Literatur. Eine solche begegnet erst, undzwar in ausgedehntem Maße, bei Columban, 2 ) der auch der erste Ire ist,von dem sich metrische Gedichte erhalten haben; bei ihm zuerst von allenIren läßt sich die Kenntnis von Horaz nachweisen. So finden wir dieältesten Spuren vom Betriebe klassischer Studien in der britannischenKirche in der ersten Hälfte des 6. Jahrhunderts, und in der irischen Kirchein der zweiten Hälfte dieses Zeitraumes, und es unterliegt kaum einemZweifel, 3 ) daß hierbei die Briten die Gebenden, die Iren die Nehmendenwaren. Und in ähnlicher Weise mag es sich, trotz der Einwendungenvon M. Roger, 4 ) mit den Hisperica famina verhalten, die doch höchstwahr-scheinlich von dem durch Iltuts Bedeutung beeinflußten britannischenKulturzentrum ausgegangen sind. Die späteren irischen Schriftsteller des7. Jahrhunderts wie Cummian und Aileran zeigen fast gar keinen Kontaktmit der klassischen Literatur, doch dürfte hier eine alte Göttweiher Notizentscheidend sein, die nämlich besagt, daß sich im 12. Jahrhundert im Stiftnoch eine Rethorica Alerani befand. 5 ) Hingegen weist die Vita Patriciides Muirchu Maccu Machtheni eine nicht geringe Anzahl von Spuren
') Hrsg. von A. Boucherie, Melangeslatins et bas-latins p. 15 ff. aus Montepess.218s IX f 79
2 )'Vgl.W.Schultzea. a. 0. S. 235 undRoger S.231 f. Wenn aber Schultze sagt „Erzeigt sich recht eigentlich als Vertreter dergesamten irischen Bildung", so ist das weitübertrieben; denn Columban nimmt der iri-schen Bildung gegenüber eine exzeptionelle
Stellung ein, ihr Vertreter ist er nicht.
3 ) Vgl. Roger a. a. 0. S. 232—237.
4 ) Vgl. Roger a. a. 0. S. 249—256. Fürdie Hermeneumata Vaticana aus Vatic. 6925s. X (ed. G. Götz, Corp. gloss. lat. 3,422 ff.) setztL. Traube, Byzant. Ztschr. 3, 605 f. irischenUrsprung fest.
5 ) Czerny, Die Bibliothek von St.FlorianS. 235.