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Geschichte der lateinischen Literatur des Mittelalters. Erster Teil.
trennung noch nicht erfunden war, oft ohne alles Verständnis für denInhalt mühsam abgeschrieben und der Schreiber wurde deshalb viel wenigerzu willkürlichen Änderungen und Interpolationen bewogen. Die Texteerhielten sich daher bis ins 9. Jahrhundert meist rein von willkürlicherEntstellung; diese beginnt erst mit der Durchführung der Worttrennung'und mit der besser werdenden Kenntnis der Sprache. Der Entstellungwaren die Texte viel mehr dort ausgesetzt, wo sich eine tüchtigere Kenntnisdes Lateins erhalten hatte; das beste Beispiel hierfür liefern die Gedichtedes Dracontius, von denen Eugenius von Toledo eine verdünnte Ausgabemachte, die sie sich dann in karolingischer Zeit sogar zum zweitenmalgefallen lassen mußte. Nur die Iren, bei denen besondere Umstände sichgeltend machten, haben die Texte mehrerer Werke aus alter Zeit absicht-lich durch Interpolation entstellt; es genüge hier an Mela und Solin zuerinnern.
Nicht ganz so schlecht war es mit Bildung und Wissen in den andernReichsteilen bestellt, fast scheint es, als hätte sich beides in die Gebietezurückgezogen, die mehr an der Peripherie des großen Reiches gelegenhatten. Erst vor kurzem hatte es der Afrikaner Priscian in Konstantinopelunternommen, das vollständigste und ausführlichste Lehrbuch der lateini-schen Grammatik zu schreiben; sein Schüler Eutyches schrieb eine Ars deverbo. Welche außerordentliche Bedeutung Priscian für das nächste Jahr-tausend gehabt hat, ergibt sich aus der Tatsache, daß sein Werk durcheine unglaublich große Zahl von Handschriften verbreitet und stets durchneue Kommentare erklärt wurde und daß man es in eine Menge Auszügebrachte. Namentlich wichtig aber ist für jene Zeiten Afrika. Hier hatteim 5. Jahrhundert Martianus Capella geschrieben, dessen Werk dem desPriscian an Wichtigkeit im Mittelalter nur wenig nachgab. Später entstandhier im Vandalenreiche um 534 die große Sammlung kleiner Gedichte invierundzwanzig Büchern, die der Codex Salmasianus überliefert. DieseSammlung, wie die wenig früher verfaßten Gedichte des Dracontius be-kunden deutlich, daß das formale Element der römischen Dichtung lebendiggeblieben war und daß auch christliche Kreise sich nicht ohne Geschickin die alte Mythologie hineindenken konnten, sowie daß die Vandalen-könige der heimischen Kunstdichtung Interesse entgegenbrachten. Auchdie Werke des Fulgentius lassen doch wenigstens einen gewissen litera-rischen Sinn erkennen. Aber zu bewundern ist die flüssige dichterischeEorm in den Werken des Corippus, denen man ihre späte Entstehungkaum ansieht und die von ähnlicher Formvollendung sind wie die Elegiendes Maximianus, eines älteren Zeitgenossen. Während aber die LiteraturAfrikas seit dem Ende des 6. Jahrhunderts zu schweigen scheint — inwenig Jahrzehnten schon sollte der Islam seinen Einzug halten •—•, habendie literarischen Bestrebungen in dem benachbarten Spanien geradezueine Nachblüte gehabt. Wohl konnte sich die spanische Literatur im
(Memor) Felix als Rezensenten von Horazund Martianus Capella, s. Jahn, Berichte überd. Verh. d. kgl. Sachs. Ges. d. Wiss. 3, 354.Keller, Epileg. zu Horaz S. 415, 785, und der
Schüler Felix' Deuterius, s. Jahn a. a. 0.S. 350. Ueber das Vaterland des Mavortiuss. M. Roger, L'enseignement des lettres clas-siques d'Ausone ä Alcuin S. 99 f.