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1 (1911) Von Justinian bis zur Mitte des zehnten Jahrhunderts : mit Index
Entstehung
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Einleitung.

Ähnliche Verhältnisse lernt man im Frankenreiche kennen. AmtlicheSchreiben werden, wie wir sahen, in Konzepten gesammelt, um zum Unter-richt im Briefstil zu dienen. Gregor von Tours weiß nichts von Gram-matik und rühmt literarische Charaktere unter dem zeitgenössischen Epi-skopat Galliens, deren Kenntnisse fast auf ein Nichts zusammenschrumpfen. 1 )Ähnlich gehalten sind die Briefe des Desiderius von Cahors aus dem 7. Jahr-hundert und seiner Korrespondenten. 2 ) Den Höhepunkt erreicht diesehalbbarbarische Sprache in der Chronik des sog. Fredegarius, die im süd-lichen Gallien begonnen wurde, wo die Rhetorenschulen noch am längstengeblüht hatten und wo im 5. Jahrhundert in der vornehmen Gesellschaftnoch Griechisch verstanden worden war. Allerdings begegnen auch in Gallienzu jener Zeit Schriftstücke, 3 ) die eine leidliche Sprache verraten und er-kennen lassen, daß die Bedeutung der Flexionsendungen hier und da nochgefühlt wurde. Den ungemein tiefen Verfall der Sprache hingegen be-zeugen die wohl hauptsächlich jener Zeit zuzuschreibenden Übersetzungenaus dem Griechischen im mathematisch-astronomischen und medizinischenGebiete: sie sind vielfach derart abgefaßt, daß die einzelnen griechischenWörter einfach durch lateinische ersetzt werden, deren Formen halb-barbarische sind. Bezeichnend ist es dann für das 8. Jahrhundert, daßin den Briefen Karl Martells der Absender stets noch Carlns heißt, 4 ) daßin Briefen Pippins öfters ille als (romanischer) Artikel steht; 5 ) noch imJahre 754 schrieb man ein entsetzliches Latein, wie die Unterschrift einesGundohin erweist, 6 ) und die ungefähr 767 entstandene Vita Genovefaezeigt neben den gröbsten merowingischen Barbarismen erst hin und wiedereine klassische Vokabel, deren eigentliche Bedeutung aber noch nicht er-kannt worden war. 7 ) Wie weit man in kirchlichen Kreisen zuweilen vomVerständnis der einfachsten und in ihrem Sinn sanktionierten Worte ent-fernt war, zeigt jenes an unfreiwilliger Komik so reiche Taufsymbol einesfränkischen Priesters, das Bonifatius pflichtgemäß und in Gewissens-bedrängnis dem Papste mitteilte: Bcqrtizo te in nomine patria et filia etspiritus sancti. 8 )

Wir gewinnen aber aus diesem Niedergang der geistigen Bildung zweiwichtige Tatsachen. Nämlich einmal, daß sich das Kloster mit seinemFrieden fast allein noch der Wissenschaften und der Weiterentwicklungder Literatur annahm, beides konnte außerhalb der Stille der Klosterzellefür eine Zeit nicht mehr recht gedeihen. Und zweitens ist darauf auf-merksam zu machen, daß die Werke der klassischen Literatur geradewegen des geringen Verständnisses des Klerus für die frühere Sprachesicherer aufbewahrt wurden, als wenn die Kenntnis des älteren Lateinsallgemein geblieben wäre. 9 ) So aber wurden diese Werke, da die Wort-

J ) Siehe Neues Archiv 21,550.

2 ) In einem der Briefe Epist. 3, 209, 32 ff.(J. 632) wird nicht Vergil, sondern Sedul.Pasch. Carm. 1, 99 paraphrasiert.

') Z. B. der Brief des Leodegar von Autunan seine Mutter, Epist 3,464 N. 17.

4 ) So Epist. 3, 270, 33 N. 22. Zur ZeitKarls des Großen wurde daraus fast stetsKarohts oder Caroltts.

5 ) So Epist. 19 in Epist. 3. 468, 22 ausJ. 748-51.

6 ) Vgl. Bibl. de l'6c. des chartes 6, 217.') Br.Krusch, Neues Archiv 18,25. 36f.

8 ) Epist. 3,336,21 N.68.

9 ) An Philologen in Italien hat es aller-dings im Beginn des 6. Jahrhunderts nochnicht gefehlt. Bekannt sind z. B. VettiusAgorius Basilius Mavortiusund SecurusMelior