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1 (1911) Von Justinian bis zur Mitte des zehnten Jahrhunderts : mit Index
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Geschichte der lateinischen Literatur des Mittelalters. Erster Teil.

der alten Literatur ausspricht, sondern ganz im allgemeinen in der Zeitbegründet liegt. Cassiodors Vorbild drang eben nicht überall durch, eswar aber doch so bedeutsam, daß durch das Kloster ein nicht geringerTeil der alten Literatur gerettet worden ist, der sonst bis auf wenige zu-fällige Reste untergegangen wäre. Wie wenig Rom selbst hierfür geleistethat, sahen wir oben am Beispiel Gregors des Großen. Und schon einVorgänger dieses Papstes hatte Cassiodors bedeutenden wissenschaftlichenPlänen nicht folgen können: Papst Agapitus war auf Cassiodors Anregung,in Rom eine christliche Universität zu errichten, nicht eingegangen. Sounterließ man es in Rom, sich im entscheidenden Moment an die Spitze einerbildungsfreundlichen Bewegung zu stellen, und fortan ist Rom fast dasganze Mittelalter hindurch in einer Sekundärstellung bezüglich der Wissen-schaft und Literatur geblieben. Viel mehr als Rom haben hingegen einzelneKönige der Barbarenreiche eine gewisse führende Stellung im Reiche desGeistes eingenommen, und derjenige Mann, auf dessen Anregung in etwasspäterer Zeit ein neuer großer Aufschwung hinsichtlich der Bildung undWissenschaft zurückgeht, der in seinem ganzen geistigen Streben vielVerwandtes mit Cassiodor aufweist, der Frankenkönig Karl, gehörte dem-jenigen Volke an, das vergleichsweise erst spät durch seine enge Ver-bindung mit der gallischen Bevölkerung in den Kreis der Kulturnationeneingetreten ist.

Namentlich hier in Gallien und in Italien verhinderte der tiefe Ver-fall der grammatischen Studien eine wirkliche Anknüpfung des Schrifttumsan die alte römische Literatur. Allerdings hielt sich im Briefstil der Kurieauch noch im 7. Jahrhundert eine gewisse sprachliche Richtigkeit, 1 ) wennauch der Gedanke oft durch Wortreichtum und Schwall nahezu erdrücktwird. Schlechter wird der Kurialstil im 8. Jahrhundert, die Briefe vonZacharias zeigen das volkstümliche Latein fast im Gewand des Romanischen. 2 )Mit Stephan II. und Paul I. hebt sich die Sprache wieder etwas, das Lateinmischt sich aber mit etwas Griechisch 3 ) und es bleiben viele Barbarismenbestehen. 4 ) Auch benutzt man an der Kurie zuweilen ältere Briefe, dieneu zugestutzt werden. 5 ) Unter Hadrian trat zeitweilig wieder eine Ver-schlechterung ein, die Kasus werden kaum mehr unterschieden und un-lateinische Flexionsendungen gebraucht. 6 ) Mit solcher sprachlichen Bildungtrat die Kurie in die karolingische Zeit ein oder befand sich vielmehrschon in ihr. Eine bessere grammatische Schulung aber verraten z. B.einige Pavieser Epitaphien aus dem 8. Jahrhundert, deren eines auf denIren Cummianus aus Bobbio geht. 7 )

*) Vgl. den Brief Bonifaz IV. vom J. 613(MG. Epist. 3, 456N. 13), s. freilich p.456,15 f.

2 ) Vgl. die Adresse vom Briefe MG.Epist. 3, 362 N. 82 (J. 748) und epist. 87p. 372,10; ferner besonders Epist. 3, 467 N. 18(J. 750 oder 751).

3 ) Vgl. Epist. 3, 502, 42; 572, 16. 19;578, 30.

4 ) Vgl. Epist. 3, 513, 34 (hospües = ob-

sicles); 513, 30 {coniungere = convenire cumciliquo).

5 ) So wird Epist. 3, 582, 32 ff. N. 57 einSchreiben Stephans IL an Pippin benutzt.

6 ) Vgl. Epist. 3, 607 N. 76 (redemptoremmundi consitete referuimus grates) und N. 89p. 626, 27 ff.

7 ) Hrsg. MG. Poet. lat. 1,101 ff. aus Vat.Pal. 833 (aus Lorsch).