Einleitung. 5
dahin; man verstand diese Briefe nicht mehr in der alten Weise nutzbarzu machen. Das kam aber durch den völligen Niedergang der altengrammatischen Studien, und dieser erfolgte in gegenseitiger Wechsel-wirkung mit der Verrohung der Sprache.
Frühe schon standen die einzelnen großen Provinzen des Reichessprachlich mehr oder weniger selbständig da. Überall hatten sich Besonder-heiten und tiefgehende Unterschiede ausgeprägt, und da die lateinischeSchriftsprache nie eigentlich gesprochen wurde, so verflüchtigte sich dergute Sprachgebrauch von ehedem unter der Einwirkung der Volksspracheund ihrer Mischung mit barbarischen Elementen. Die nördlicheren Teiledes Reiches waren diesem Prozeß besonders ausgesetzt, und so kommt es,daß Gregor von Tours sich beklagt, daß man nirgends mehr etwas lernenkönne und daß er in der Grammatik nicht erfahren sei. Es gewährt dahereinen ganz eigenen Genuß, die literarischen Werke der Zeit nach ihrersprachlichen Seite zu untersuchen. Ohne Zweifel war damals die romanischeVolkssprache längst im Werden begriffen, aber man schrieb doch nichtso, wie man sprach, das Gefühl war und blieb lebendig, daß man so nichtschreiben dürfe. Infolgedessen schrieb man eine Sprache, in welcherdie Flexionsendungen zwar noch alle erhalten sind, aber nur aus Zufallrichtig verwendet werden, da es an grammatischer Sicherheit völlig ge-brach. Es ist die Sprache, in welche der romanische Vokalismus schonseinen Einzug gehalten hat und in der z. B. der Feminingebrauch der Neutradurchgedrungen ist. Dabei gab es allerdings noch einzelne Schriftsteller,die ein leidliches Latein schreiben konnten, und das waren namentlichsolche, die ihre Ausbildung in Italien erlangt hatten, wie VenantiusFortunatus, dessen Prosa allerdings nach Sitte der Zeit an häßlichemSchwulst leidet, während seine Gedichte in der Form noch mehr an diefrühere Zeit erinnern, im Inhalte dagegen und in der Vortragsweise deutlicheine neue Zeit verraten. Unter solchen Umständen ist es gar nicht zuverwundern, wenn auch ein Papst von der Bedeutung Gregors des Großenes für unter seiner Würde hielt, nach den Regeln Donats zu schreiben,und einen Bischof mit scharfem Tadel zurechtwies, von dem er erfahrenhatte, daß er Grammatik lehre. Überhaupt hatte Rom aufgehört, in altemSinne der geistige Mittelpunkt der Reiche zu sein, die ehedem das römischeImperium gebildet hatten. Noch war es zwar der Hauptbüchermarkt desAbendlandes geblieben, aber die neue Weltmacht, die dort ihren Sitz auf-geschlagen hatte, die Kirche, stand dem eigentlichen literarischen Schaffenfremd gegenüber, wofern es nicht der Hebung kirchlicher Macht und derVertiefung christlicher Lehre diente. So gewahrt man im 6. Jahrhunderteinen tiefen Verfall, und es läßt sich gar nicht ermessen, welche Dimen-sionen er allmählich annehmen mußte, wenn nicht Cassiodors Beispiel hierfördernd eingegriffen hätte. Denn wenn auch die römischen Klassiker nochin den schönen und deutlichen Zügen der römischen Unziale vervielfältigtwurden, so sehen wir doch die irischen Mönche in Bobbio am Anfang des7. Jahrhunderts diese Handschriften sorgsam abwaschen und abkratzen,um auf das feste Pergament die Werke der Kirchenväter zu schreiben,eine Tätigkeit, die nicht etwa eine besondere Geringschätzung gegenüber