4 Geschichte der lateinischen Literatur des Mittelalters. Erster Teil.
der fortan für das ganze Mittelalter ein ungemein beliebter Literaturzweigblieb. Es ist dann weiter eine für das 6. Jahrhundert sehr folgenschwereTatsache, daß sich die germanischen Nationen mit Ausnahme der Frankendem arianischen Bekenntnis zugewandt hatten. Von der aus dieser häre-tischen Richtung ausgehenden Literatur ist zwar absichtlich viel vernichtetworden, aber gerade infolge dieses Bekenntnisses mußte sich in das Ver-hältnis der Germanen zur Kirche ein streitbares und darum lebenerweckendesElement einmischen, das nicht nur in Synodal- und Konzilbeschlüssen zumAusdruck kommt, sondern sich auch politisch und literarisch in dem an-gedeuteten Zeitraum geltend macht.
Die Kirche hatte sich also, wie wir sahen, zur Bewahrerin der antikenBildung gemacht, da sie dieser zur Gewinnung ihrer völligen Herrschaftnicht entraten zu können glaubte. So wurde innerhalb der Kirche auchdie literarische Richtung gepflegt, die Gellius mit dem Exzerpieren deralten Autoren begonnen hatte und die sich auf Macrobius und vor allem aufMartianus Capella fortsetzte, dessen „Hochzeit Merkurs mit der Philologie"für das Mittelalter eine grundlegende Bedeutung in jeder Beziehung erhielt.So war auch Augustin unausgesetzt tätig gewesen im Sammeln und Aus-ziehen und Benutzen älterer Literatur, und diese Beispiele fanden kräftigeNachahmung. Hieronymus stand mit seiner Bildung und seinem Wissenauf der Höhe der Zeit, und die enzyklopädische Richtung fand dann amAnfang unserer Periode in Boethius und Cassiodor ihre bedeutendsten Ver-treter. Während aber Boethius für die alte Philosophie die Brücke zumMittelalter schlägt, hat Cassiodor, abgesehen von seinem enzyklopädischenWirken, noch eine ganz andere Bedeutung erlangt. Schon seit einemJahrhundert war das Mönchswesen, das gleich anfangs in Europa mehroder weniger literaturfeindlich auftrat, vom Orient nach dem Abendlandegelangt, doch erst 529 erhielt es durch Benedikt von Nursia in Monte-cassino die feste Organisation, die sich seitdem, allerdings mit einer Modi-fizierung durch Cassiodor, erhalten hat. Die Regel des hl. Benedikt weißnämlich noch nichts von einer Verpflichtung der Mönche zu geistigemSchaffen und Leben. Erst Cassiodor war es, der in seinem Kloster Vivariumhierfür das Vorbild gab und es seinen Mönchen zur Pflicht machte, sichaußerhalb des kirchlichen Gebietes mit den Wissenschaften zu beschäftigen.Er befahl den Mönchen, eine nicht geringe Anzahl von profanen Büchernzu studieren und durch Abschreiben zu erhalten, und wenn auch manchevon diesen spurlos untergegangen sind, so hat doch sein Beispiel in einerso bedeutsamen Weise gewirkt, wie er selbst schwerlich geahnt hat. Näm-lich mit dem Aufhören der alten Rhetorenschulen starb wenigstens in Italienund Gallien noch im 6. Jahrhundert die alte Bildung mehr oder wenigerab. Die unausgesetzten Kämpfe der germanischen Völker in diesen beidengroßen Reichen hatten völlig veränderte Verhältnisse gebracht, und es isthöchst bezeichnend für den Zustand der geistigen Bildung im östlichenFrankenreiche, daß dort gegen Ende des 6. Jahrhunderts eine Sammlungvon Briefen austrasischer Fürsten angelegt wurde, die in ihrem barbarischenStile Vorbilder für die Schule abgeben sollten. Die Zeit, in der man Stilund Sprache aus den Briefen eines Cicero oder Plinius lernen konnte, war