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Die Religion der Semiten
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Anhang. Das Schafopfer im Cultus der kyprischen Aphrodite. 349

Wenn demnach die kyprische Göttin eine Schafgöttin war, so stellt sichin dem Ritus ein Sühnopfer dar, bei dem Priester, als Schafe verkleidet, derSchafgöttin ein Tier ihrer eignen Art darbringen. Die Ceremonie entsprichtalso genau den römischen Lupercalia , einem Sühnopfer, das dem Pan, derhier Lupercus genannt ward, dargebracht wurde. Das Bild des Lupercus aufdem Lupercal war nackt und wurde in ein Ziegenfell gehüllt 805 . Hier opfertenbei dem grossen Sühnfest am 15. Februar die Luperci, die denselben Namenwie ihr Gott trugen, demselben Ziegen und liefen, mit Lehm beschmiert undmit Ziegenfellen umgürtet, nackt um die Stadt, wobei sie die Frauen, die anden Segnungen des Brauches teilzuhaben wünschten, mit Riemen schlugen,die aus den Fellen der Opfer geschnitten waren und februa hiessen 806 .

Beide Opfer sind vollkommene Typen für die älteste Form des sacra-mentalen Sühnemysteriums, bei dem die Verehrer ihre Verwandtschaft mitder Tiergottheit zum Ausdruck bringen und als Opfer ein Tier von derselbenArt darbringen, dessen Opferung ausser bei diesen Sühnebräuehen einFrevel sein würde.

Eine Darstellung der bärtigen Göttin will indes Palma diCesnola (DeutscheUebers. von Stern, p. 111) in der Colossalstatue aus Golgoi sehen (Abbildung bei C e s-n o 1 a, The antiq. Taf. 21). Ich kann jedoch die Gesichtszüge derselben nicht fürge-wissermassen weiblich" halten; vielmehr ist nach der realistischen Ausführung der Mus-kulatur, z. B. der Arme, offenbar die Darstellung einer männlichen Gestalt beab-sichtigt. Vor allem aber zeigt diese Statue bereits eine hochentwickelte Technik derPlastik, und daneben beweisen andere, besonders sicher weibliche Figuren, eine Fähig-keit in der Charakteristik, dass man auch bei diesem Bilde eure schärfere Ausprägungdes weiblichen Charakters erwarten sollte (vergl. dafür z. B. Cesnola, Antiquities,Tafel 14, 15, 18, 29 mit Taf. 16, 17, 30). Ich möchte deshalb lieber mit Colonna-Ceccaldi, Monum. antiques, p. 53 (cf. Tafel II) annehmen, dass diese Statue einenPriester darstellt, der wohl fürstlichen Geschlechtes war.

Indes scheint die Vorstellung von einem androgynen Wesen (ob einer Gottheit ?)für Kypros wenigstens durch ein Terracottabild bei Ohnefalseh-Richter, Kypros,Taf. XXXVI, 1 bestätigt zu werden; Ohnefalseh-Richter (Teil I, p. 146, Anm. 2) setzt esin die Zeit von 12001000 v. Chr. Darstellungen einer bärtigen Aphrodite werdenunter den kyprischen Funden bei Cesnola-Stern, p. 402, erwähnt; doch bezweifelt Ed.Meyer ihre Deutung. Auch Ohnefalsch-Richter giebt Taf. CV, 8 ein Bild, das er alsDarstellung der bärtigen Aphrodite (T. I, p. 300) fasst. Doch liegt hier offenbareine Nachbildung des ägyptischen Motivs des Sphinx vor. Somit scheint mir unterden zahlreichen kyprischen Funden die Darstellung einer bärtigen Aphrodite bishernicht mit Sicherheit nachgewiesen zu sein.

Unfraglich aber lebte im Cultus von Cypern die Vorstellung von einer androgynenGottheit. Höchst wahrscheinlich ist diese aber durch theologische Reflexionen ausge-bildet, die ihre Anregung aus der kyprischen Mischcultur gewannen, die auch für dieReligion ein Zusammenwachsen heterogener Gestalten zur Folge hatte. Solche Misch-gestalten waren bereits von der ägyptischen Theologie ausgebildet. Diebärtige"Astarte setzt eine complicierte- Cultur- und Religionsentwickelung voraus; sie wirdschwerlich der Volksreligion, sondern dem cultisch-theologischen System angehören.Vergl. Ed. Meyers Art.Astarte" in Roschers Mythol. Lexikon, I, 645655.]

805) Justinus, Epitoma bist, philip. Pompei Trogi (ed. Ruehl) lib. XLIII, 1, 7[ipsum dei simulacrum nudum caprina pelle amicta est, quo habitu nunc Romae Luper-calibus decurritur". Vergl. hierzu Preller-Jordan, Rom. Mythologie, 3. Aufl. (1881),I. 387391].

806) [Denselben Brauch finden wir auch im römischen Junocultus. cf. Prell er-Jordan, Rom. Mythol. 3 I, 273.]