336 Elftes Kapitel. Opfergaben und Sühnopfer.
bereits entgegengetretenen wesentlich unterschieden hätte. Da aber das Felldes Opfers die älteste Form einer heiligen Kleidung ist, die für den Vollzugheiliger Handlungen geeignet ist, so kann das Bild „Kleid der Gerechtigkeit",das sich im alten wie im neuen Testament findet und eine der gebräuchlichstentheologischen Metaphern bildet, bis auf diesen Ursprung zurückgeführt werden.
Die symbolischen theologischen Begriffe.
Das Ergebnis unserer Untersuchung ist schliesslich, dass die verschiedenenGesichtspunkte, unter denen die Sühnebräuche den antiken Verehrern erschienen,zur Ausgestaltung einer Fülle religiöser Bilder führten, die in das Christen-tum übergingen und noch heute bestehen. Erlösung, Stellvertretung, Reinigung,sühnendes Blut, die Bekleidung mit Gerechtigkeit sind sämtlich Begriffe,die in gewissem Sinne auf das antike Ritual zurückgehen. In der antikenReligion aber sind alle diese Begriffe ganz unbestimmt. Sie deuten mehr dieEindrücke an, die durch Züge des Rituals im Geiste der Verehrer hervor-gerufen werden, als dass sie scharf formulierte, ethisch-dogmatische Vor-stellungen wären. Es ist unberechtigt, wenn man erwarten wollte , in ihnenirgendwelche bestimmten Begriffe zu finden, wie sie von den christlichenTheologen mit den gleichen Worten verknüpft werden. Der eine Punkt, derklar und bestimmt hervortritt, ist der, dass die Grundidee des alten Opfers diesacramentale Gemeinschaft ist, und dass die Wirksamkeit aller Sühnebräucheim letzten Grunde auf der Mitteilung des göttlichen Lebens an die Verehrerund auf der Begründung oder Befestigung einer Lebensgemeinschaft zwischenihnen und ihrem Gotte beruht. In dem primitiven Ritual ist diese Vorstellung ineiner rein physischen oder mechanischen Form dargestellt, wie sich überhauptim primitiven Leben alle geistigen oder sittlichen Ideen noch in die Hülleeiner materiellen Verkörperung kleiden. Es war die grosse Aufgabe der an-tiken Religion, den geistigen Gehalt aus dieser Hülle zu befreien. Nur sogewann sie das Recht, dauernd einen bestimmenden Einfmss auf das mensch-liche Geistesleben zu behaupten. Dass in dieser Richtung — besondersin Israel — ein gewisser Fortschritt gemacht worden ist, hat sich aus un-serer Untersuchung ergeben. Im ganzen aber ist unverkennbar, dass keinesder alten cultischen Systeme durch eine rein natürliche Entwickelung fähigwar, sich selbst von dem in seiner Entstehung begründeten Mangel zu be-freien , der jedem Versuch anhaftet, den Inhalt des geistigen Lebens in ma-teriellen Formen zu verkörpern. Ein rituelles System muss stets materiali-stisch bleiben, auch wenn sein materielles Wesen unter der Hülle des My-sticismus verborgen wird.