Cultusstätten auf den Höhen. 299
Bei der Untersuchung der natürlichen Merkmale heiliger Orte sahen wir,dass wasserreiche Orte, Waldesdickicht und ähnliche Stätten aus natürlichenGründen als Heiligtümer aufgefasst wurden. Ebenso fanden wir es begreiflich,dass Gebirgszüge, wie der Hermon, zu heiligen Gebieten wurden; aber einenin der Natur liegenden Grund, weshalb eine kahle und unfruchtbare Höhezu einem Heiligtum bestimmt ward, haben wir nicht gefunden. Es ist öfterangenommen worden, dass an solchen Stätten Altäre erbaut wurden, weil siedort dem Himmel offen standen und den himmlichen Göttern näher waren alsein anderer Punkt der Erde. In dieser Deutung liegen indes Voraussetzungen,zu denen wir nicht berechtigt sind. Wenn jedoch die Erklärung für denUrsprung des Brandopfers, wie sie oben gegeben wurde, zutreffend ist, soliegt auf der Hand, dass solche öde und unbetretene Höhengipfel über derStadt für die Verbrennung der Brandopfer eine der natürlichsten Stätten sind,die man dafür auswählen konnte. Im Verlauf der Zeit wurde ein bestimmterPlatz auf dem Hügel die feste Stätte der Verbrennung; und als man das ver-brannte Fleisch als ein der Gottheit dargebrachtes Speisopfer anzusehen be-gann, wurde die Stätte des Verbrennens selbst ein Heiligtum. Schliesslichwurde sie zum Hauptheiligtum der Stadt und mit dem Zubehör des altenCultus, mit heiligen Pfählen und Opfersteinen ausgestattet.
Dass die Höhen oder die auf Hügeln liegenden Heiligtümer der Se-miten ursprünglich Stätten für die Brandopfer waren, kann aus direktenZeugnissen zwar nicht mehr bewiesen werden. Doch lässt es sich — auch ab-gesehen von der oben entwickelten Begründung — wahrscheinlich machen. InArabien erfahren wir nur von einem Heiligtume, das eine „ Stätte der Ver-brennung" hatte, das ist der Hügel von Kuzah bei Muzdalifa. Bei denHebräern findet die Opferung des Isaak auf einem Berge statt (Gen. 22, 2),ebenso geschieht es mit dem Brandopfer des Gideon (Rieht. 6, 26 ff.). Diejährliche Trauerklage auf den Bergen zu Mizpa in Gilead muss mit einemOpfer auf diesen Bergen in Verbindung gestanden haben, welches man, wiedas Hirschopfer in Laodicea, für den Ersatz eines alten Menschenopfers hielt(Rieht. 11, 40). Jes. 15, 2 gehen die Moabiter in ihrem Unglück auf dieHöhen, um dort zu klagen, wahrscheinlich auch um Brandopfer zur Sühnedarzubringen. Um ein Brandopfer darzubringen, sucht Salomo die Höhezu Gibeon auf (I. Kön. 3, 4). Der allgemeine Terminus -itip „Opferfleischverbrennen" ist die gewöhnliche Bezeichnung für den Höhencultus. Imalten Testament wird ein Unterschied zwischen der bämä (Höhe) und demmizbeäli (Altar) bis zum Ende der Königszeit festgehalten (IL Kön. 23, 15.Jes. 36, 7); zuletzt ist bämä die Bezeichnung, die von jeder Cultusstätte oderjedem Altar des Götzendienstes gebraucht wird.
Indes hat der Gebrauch des Feuers keine fundamentale Umgestaltungder mit dem Opfer verknüpften Ideen zur Folge gehabt. Der entscheidendeWendepunkt in der Entwickelung des Opfers liegt darin, dass das Fett ge-wöhnlicher Opfer, oder bei Brandopfern sogar das gesamte Fleisch, imHeiligtum oder auf dem Altar verbrannt wird und damit als der Gottheitdargebracht gilt. Dieser Punkt erfordert noch eine genauere Erörterung,die wir in dem Schlusskapitel unserer Darstellung geben.