220 Achtes Kapitel. Die ursprüngliche Bedeutung des Tieropfers.
der Natur der Gottheit, oder als ein Teilhaben am Stammesblute.
So besagt die Annahme, dass die Opfertiere ursprünglich als Stammes-genossen betrachtet wurden, lediglich das Gleiche, wie die Annahme, dass dieOpfer von heiligen Tieren dargebracht wurden, deren Leben gewöhnlich unterdem Schutz religiöser Achtung und Heiligung stand. Zur Unterstützung dieserBehauptung kann eine grosse Fülle von Zeugnissen beigebracht werden, nicht nuraus dem semitischen Opfercultus, sondern aus dem alten Opferwesen überhaupt.
Mystische Tieropfer.
In den späteren Zeiten des Heidentums, als das Essen von Fleisch all-gemein gebräuchlich war, und als die Bestimmung, dass alles legitime Schlachtenein Opfer war, nicht mehr bestand, wurden die Opfer in zwei Klassen geteilt:gewöhnliche Opfer, bei denen als Opfertiere Schafe, Rinder oder andere Tiere,die gewöhnlich zum Lebensunterhalt dienten, geschlachtet wurden, und ausser-gewöhnliche Opfer, bei denen die Opfer in Tieren bestanden, deren Fleischzu geniessen als verboten galt. Der Kaiser Julianus i3a berichtet uns, dasssolche aussergewöhnliche Opfer in Mysterienculten ein- oder zweimal jähr-lich in Städten des römischen Reiches veranstaltet wurden; als Beispiel er-wähnt er das der Hekate dargebrachte Opfer eines Hundes. In diesemFalle war das Opfer das heilige Tier der Gottheit, der es dargebrachtwurde. In der Mythologie wird Hekate als von dämonischen Hunden be-gleitet dargestellt, und in ihrem Cultus liebte sie, als Hund angeredet zu wer-den uo . Hier ist also das Opfer nicht bloss ein heiliges Tier, sondern einTier, das mit der Gottheit, der es geopfert wird, verwandt ist. Das gleichePrincip scheint allen Opfern von unreinen Tieren, die eine Ausnahme bilden,zu Grunde zu liegen, d. h. von Tieren, die gewöhnlich nicht gegessen wurden;denn wir haben bereits gesehen, dass die Idee der Unreinheit und derHeiligkeit bereits in der ursprünglichen Auffassung des Tabu vorliegt. Ichmuss es den Kennern des klassischen Altertums überlassen, diese Gesichts-punkte in ihrer Anwendung auf das griechische und römische Opfer zu ver-folgen. Hinsichtlich der Semiten aber verlohnt es sich der Mühe, diesenPunkt näher zu begründen, indem wir näher auf die Einzelheiten eingehen,die uns über die Opferung unreiner Tiere bekannt sind.
1. Bas Schwein.
Nach Al-Nadbn 4 " opferten die heidnischen Harranier jährlich einmalein Schwein und assen Schweinefleisch. Dieser cultische Brauch ist alt, denner findet sich auf Cypern in Verbindung mit dem Cultus der semitischenAphrodite und des Adonis. Im gewöhnlichen Cultus der Aphrodite war dasSchweineopfer nicht zugelassen, auf Cypern aber wurden ihr jährlich einmalam 2. April wilde Eber geopfert " 2 . Eine Anspielung auf dieses Opfer als
439) Orat. V, p. 176.
440) [Vergl. Preller-Robert, Griech. Mythologie. 4. Aufl. I. p. 326.] P o r-phyrius, De abstin. III, 17. IV, 16.
441) Filmst, p. 326, Z. 3 f.
442) L y d u s, De mensibus, ed. Bonn. p. 80 [ed. Wuensch, IV, 65]. Aussergewöhn-liche Schweineopfer fanden auch zu Argos im Cultus der Aphrodite (A t h e n a e u s ,III, 49) und in Pamphylien statt (Strabo. IX, 5, 17). Der semitische Ursprung dieserRiten ist indes nicht so sicher, wie für den Cultus der kyprischen Göttin. Das Opfereiner Sau ist auf den Felsskulpturen von J'rapta dargestellt. Renan, Miss, de Phenicie.pl. 31; Pietschmann, Die Phönizier, p. 219.