Druckschrift 
Die Religion der Semiten
Seite
184
Einzelbild herunterladen
 

184 Siebentes Kapitel. Die Erstlinge der Früchte, der Zehnte etc.

Heiliger Tribut in Arabien; Erstlingsgaben.

Es wird sich allerdings kaum bestreiten lassen, dass die Thatsachen dieoben ausgesprochene Behauptung rechtfertigen, dass die Idee einer heiligenAbgabe bei den nomadischen Arabern eine ganz unerhebliche Bedeutung hatoder völlig unbekannt ist. Indes ist es von Wichtigkeit, mit möglichst grosserGenauigkeit zu bestimmen, ob die Vorstellung von einem Tribut oder von Gaben,die der Gottheit als Huldigung entrichtet werden, in der alten Religion derrein nomadischen Semiten überhaupt eine Stätte hatte. Und wenn dies derFall war, so ist ihre Bedeutung genauer festzustellen.

Bei den Ackerbau treibenden Semiten erscheint die Vorstellung einesheiligen Tributs nur in der Darbringung der Erstlingsfrüchte und bei derEntrichtung des Zehnten von den Erträgen des Ackerbaus. Tieropfer sinderst zuletzt der Kategorie der Huldigungsgaben beigefügt worden. Sie wurdendann als eine Art Tribut betrachtet, wenn sie nicht freiwillige Opfer waren,sondern nach rituellen Bestimmungen, die für bestimmte Anlässe bestimmteOpfer forderten, dargebracht wurden. Wir haben indes gesehen, dass auchin dem spätem Ritual ein deutlicher Unterschied zwischen Gaben an Feld-erträgen, die einfach eine Abgabe an den Gott waren, und solchen Tieropfern be-steht, die zur Anwendung kamen, um für den Gott und seine Verehrer zusammenein Fest zuzurüsten. Die Deutung, dass das Opfer der Gottheit ganz über-geben wird, die dann einen Teil desselben dem Verehrer zurückerstattet,damit er am Tempel als Gast seines Gottes ein Fest feiern könne, ist offenbarzu künstlich, um für ursprünglich gelten zu können. Wenn wir dagegen dasOpfer einfach als ein von dem Verehrer veranstaltetes Fest betrachten, beidem der Gott der Hauptgast ist, so liegt darin nach den alten Anschauungendurchaus nicht die Entrichtung eines Tributs oder auch nur einer Gabe. DieGastfreiheit wird von den alten Völkern überhaupt nicht als eine Gabe ange-sehen. Wenn jemand ein Tier schlachtet, so ist es selbstverständlich, dassjeder, der gerade anwesend ist, an dem Fest seinen Anteil hat; und die, welchedavon essen, haben überhaupt nicht das Gefühl, dass ihnen damit irgend ein Ge-schenk zu teil werde. Ebenso scheint es sehr zweifelhaft, ob die Darbringungenvon Milch, die vor gewissen arabischen Götzenbildern ausgegossen wurde, imeigentlichen Sinne als Gaben, d. h. als Uebergabe eines wertvollen Besitztums,bezeichnet werden können. Denn noch heute gilt es in der Wüste für eineSchande, Milch zu verkaufen 379 ; ein Trunk aus der Milchschale wird niemalsjemandem verweigert werden. In einer Gemeinschaft, bei der Milch und Speiseniemals verkauft werden, und wo nur ein roher Mensch sich weigern wird,jedem Vorübergehenden einen Anteil an diesen Nahrungsmitteln zu gewähren(vgl. I. Sani. 25), dürfen wir das Opfermahl nicht als einen Beweis dafürbetrachten, dass die Araber ihren Göttern Tribut entrichteten.

Der Tribut des Ackerbaus an Erstlingsfrüchten und Zehnten ist eineauf den Ertrag des Landes gelegte Abgabe, die an die Götter als Baalim, alsHerren des Landes, entrichtet wird. In dieser Form kann der Tribut bei reinenNomaden nicht vorkommen. Ein Tribut wird aber auch an die Könige, die

379) Doughty, Arabia Deserta, I, 215. II, 443.