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Die Religion der Semiten
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82 Drittes Kapitel. Die Beziehungen der Gottheiten zu Naturdingen etc.

Heiligtums notwendig ist; die herrschende Anschauung ist, dass die Selbst-offenbarung des Gottes und die Beweise seiner Gnade gegenüber seinen Ver-ehrern sich dort wiederholen werden, wo sie einmal erfolgt sind. Wenn daserste Anzeichen durch häufige Wiederholung seine Bestätigung gefunden hat,so ist die Heiligkeit der Stätte völlig begründet. So wird in den älterenBestandteilen des Alten Testaments eine Gotteserscheinung stets als hinreichen-der Anlass betrachtet, um an dem Orte ein Opfer zu bringen. Die Gottheitoffenbart sich, indem sie sichtbar erscheint oder durch eine Machtthat; des-halb kann eine cultische Handlung einer Oertlichkeit nicht entbehren. Saulerbaut auf dem Schlachtfehle, auf dem er die Philister besiegt hat, einenAltar (I. Sam. 14, 35). Die Patriarchen begründen an Orten, wo ihnen dieGottheit erschienen ist, Heiligtümer (Gen. 12, 7. 22, 14. 28, 18 ff. s. Exod.17, 15). Gideon und Manoah bringen da ein Opfer dar, wo ihnen eine göttlicheBotschaft zu teil geworden ist (Rieht. 6, 20. 13, 19). Auch nach der hebräischenReligion ist Gott nicht an allen Orten und zu allen Zeiten gleicherweise nahe;und wenn jemand in seine unmittelbare Gegenwart gelangt, so ergreift erdie Gelegenheit, um durch eine cultische Handlung seiner Verehrung Aus-druck zu geben. Aber die regelmässigen religiösen Bräuche hingen nichtvon solchen ausserordentlichen Offenbarungen der göttlichen Gegenwart ab;sie entwickelten sich aus der Anschauung, dass es bestimmte Stätten gebe,an denen die Gottheit in der Vergangenheit erschienen war, wo auch wieder-holte Erscheinungen erwartet werden konnten. " Wenn Jakob im Traum eineErscheinung der Gottheit zu Bethel hat, so schliesst er daraus nicht bloss,dass Jahwe für eine Weile dort zugegen war, sondern dass die StättedasHaus Gottes und die Pforte des Himmels" (Gen. 28, 17) sei. Bis zur Zeitder babylonischen Gefangenschaft wurde deshalb Bethel stets als ein Heilig-tum ersten Ranges betrachtet. In derselben Weise galten alle Stätten, vondenen die Erinnerung berichtete, dass die Patriarchen an ihnen einen Cultusausgeübt hätten oder dass Gott ihnen hier erschienen sei, noch in spätererZeit als heilige Stätten, und wenigstens eine von ihnen, die bei Mamre, warbis in die christliche Zeit ein berühmtes Heiligtum. Wir sind durchausberechtigt, diese Thatsachen für die semitische Religion überhaupt, und nichtbloss als besondere Züge derTvergeistigten Religion des alten Testaments, zuverwerten. Denn der Cultus von Bethel, Sichern, Beerseba und anderen ur-alten Cultusstätten war stark mit kanaanitischen Elementen durchsetzt undwurde von den Propheten als Götzendienst betrachtet; der Cultus zu Mamre,der erst von den christlichen Kaisern aufgehoben wurde, war in späterer Zeitrein heidnisch 100 ".

Die Regel, dass ein bestimmtes Ereignis eine sichere Norm für dieAusgestaltung des Cultus bildete, ist der alttestamentlichen Religion mit demHeidentum der Nachbarvölker gemein. Der Unterschied liegt nur in derDeutung, die sie erfuhr. Und auch in dieser Hinsicht stehen nicht alle Teiledes alten Testaments auf der gleichen Höhe. TVon einem Propheten wieJesaia ist die Anschauung, dass Jahwes Wohnsitz auf dem Zion sei,fast gänzlich ihrer sinnlichen Bedeutuug entkleidet. Jesaia hat sich nochnicht zu der ganzen Höhe der neutestamentlichen Auffassung erhoben, dass

109a) Reland, Palästina, p. 711 hat die Belege dafür gesammelt.