lg Erstes Kapitel. Einleitung: Gegenstand und Methode der Untersuchung.
Kenntnisse für unentbehrlich halten von den Beziehungen, die nach der An-schauung der alten Rassen der Menschheit zwischen den Göttern und Menscheneinerseits und dem materiellen Weltganzen andrerseits bestanden. Alle Hand-lungen des alten Gottesdienstes haben eine materielle Einkleidung, deren Formdurch die Erwägung bestimmt ist, dass Götter und Menschen gleicherweisezu besondern Teilen oder Seiten der physischen Natur in bestimmten, festenBeziehungen stehen. Bestimmte Plätze, bestimmte Dinge, selbst bestimmteTierarten gelten als heilig, d. h. als solche, die in naher Verbindung mitden Göttern stehen und demnach eine besondere Verehrung von seiten desMenschen beanspruchen. Diese Anschauung spielt in der Entwickelungder religiösen Institutionen eine ungemein grosse Rolle. Hier haben wir aber-mals ein Problem, das durch keine apriorische Methode gelöst werden kann;nur soweit wir Schritt für Schritt in der Analyse der Einzelheiten des culti-schen Brauches vordringen, können wir hoffen, völlige Einsicht in die Be-ziehung zwischen den Göttern und der physischen Natur zu gewinnen. Wohlaber zeigt die alte Anschauung vom Universum und den Beziehungen seinerGlieder zu einander bestimmte grosse Züge, die auf einmal in einem blossvorläufigen Ueberblicke erfasst werden können.
Da es wertvoll sein wird, unsere Aufmerksamkeit gleich beim Beginnunserer Untersuchung auf diese Thatsachen zu richten, so mag der zweite Ab-schnitt dem Wesen der alten religiösen Gemeinschaft und den Beziehungender Götter zu ihren Verehrern gewidmet sein. Im Anschluss daran werdenwir die Beziehungen der Götter zur physischen Natur zu betrachten haben,nicht in vollständiger oder erschöpfender Weise, sondern nur in vorläufigerArt, soweit es für ein Verständnis der materiellen Grundlagen des alten Cultnserforderlich ist. Nachdem uns diese vorläufigen Untersuchungen gewisse not-wendige Gesichtspunkte gegeben haben, werden wir uns den Institutionen derReligion in regelrechter Weise zuwenden können, um eine Darstellung ihrerEntwickelungsgeschichte zu versuchen. Wh- werden dabei finden, dass sichdie Geschichte der religiösen Institutionen mit der Geschichte der alten Re-ligion selbst als einer praktischen Macht in der Entwickelung der Menschheitdeckt, und dass die deutlichen Bemühungen des antiken Geistes, die Bedeutungder Religion, die Natur der Götter, die Grundsätze, nach denen sie mit denMenschen verfuhren, zu verstehen, ihren Ausgangspunkt in den unausge-sprochenen Ideen hatten, die sich in den üb er lieferten Formen der eultischenPraxis verkörpert hatten. Mochten die bewussten Bemühungen antiker reli-giöser Denker die Gestalt mythologischer Dichtung oder eines speculativenSystems annehmen, das Rohmaterial ihres Denkens, das sie verwerteten, warstets dem gemeinsamen, traditionellen Bestände der religiösen Anschauungenentnommen, die von Geschlecht zu Geschlecht überliefert wurden, zwar nichtin ausdrücklichen Worten, aber in der Form religiösen Brauches.