X Vorwort des Verfassers zur ersten Ausgabe.
Cambridge dargethan. Von seinem Werke „ De legibus Hebraeorum ritualibuset earum rationibus" (1685) kann man mit Becht sagen, dass es die Grund-lagen der vergleichenden Religionswissenschaft schuf; und trotz mancherMängel, die zur Zeit seiner Abfassung kaum zu vermeiden waren, bleibt esimmer noch das bei weitem wichtigste Werk für die sacralen Altertümer derHebräer. Doch war Sp encer seiner Zeit soweit voraus, dass er für die Fort-führung seines Werkes keine Nachfolger fand. Auch von berufsmässigenForschern auf alttestamentlichem Gebiet ist es vielfach unbeachtet gelassenworden; und auf die herrschenden Anschauungen, die ein gemeinsamer Besitzder Gebildeten sind, die an der Bibelforschung ein Interesse nehmen, hat eskaum irgendwelchen Einfluss geübt.
In neuerer Zeit hat die vergleichende Beligionswissenschaft in erheb-lichem Masse das Interesse weiterer Kreise gewonnen. In England selbst istsie unter verschiedenen Gesichtspunkten von hochstehenden Persönlichkeiten,die leicht die Aufmerksamkeit des Volkes finden, behandelt worden. Für einesystematische Vergleichung der Beligion der Hebräer in ihrer Gesamtheit mitden religiösen Anschauungen und rituellen Bräuchen der anderen semitischenVölker ist aber seit Spencer 's Zeit weder in England noch auf dem Con-tinent — sei es in gelehrter oder populärer Darstellung — etwas Erheblichesgeleistet worden. Zwar fehlt es nicht an wertvollen Werken über einzelneFragen; doch sind diese Werke zu speciell und grösstenteils zu wissenschaft-lich gehalten, als dass sie dem weiteren Kreise derer zu dienen vermöchten,für die die Bumett-Vorlesungen bestimmt sind. Sie wenden sich an einenKreis gebildeter und denkender Männer und Frauen, die zwar keine speciellenwissenschaftlichen Kenntnisse im Gebiete der Semitistik haben, die aber für allesdas Interesse haben, was zum geschichtlichen Verständnis ihrer eignen Re-ligion dient, und die befähigt sind, auch einer begründenden oder selbst einerschwierigen kritischen Erörterung zu folgen, sofern nur der Vortragende selbstdessen eingedenk bleibt, dass historische Forschung denkenden Menschen stetsnahe gebracht werden kann, wenn sie methodisch und in klarer Darstellungdurchgeführt wird.
Ein besonderer Grund lässt sich auch dafür geltend machen, dass einderartiger Versuch gerade jetzt unternommen wird. So lange die historischeFolge der alttestamentlichen Urkunden, insbesondere derjenigen Quellen,aus denen der Pentateuch zusammengesetzt ist, nicht sicher festgestellt waroder falsch aufgefasst wurde, fehlten noch die ersten Voraussetzungen füreine mit Erfolg durchführbare Vergleichung der hebräischen Religion alseines Ganzen mit den Religionen der übrigen semitischen Völker. Auf Grundder Forschungen einer Reihe von Gelehrten (von denen die Namen Kuenenund Wellhausen zu nennen genügt, durch deren scharfsinnige Unter-suchungen die Forschung auf einen Punkt geführt ist, wo für das geschicht-liche Verständnis der alttestamentlichen Religion nichts mehr unsicher bleibt,was dafür irgendwie von wesentlicher Bedeutung wäre) kann die Entwicke-lung der alttestamentlichen Religion jetzt von Stufe zu Stufe in einer Weiseverfolgt werden, wie dies kaum bei irgend einer anderen Religion des Alter-tums möglich ist. Somit ist es heute nicht nur möglich, sondern für denweiteren Fortschritt auch •durchaus nötig, eine eingehendere Vergleichunganzustellen zwischen der hebräischen Religion auf ihren verschiedenen Ent-