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Neue Fortschritte in den Verbrecherstudien
Entstehung
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oder höchstens von Einem der, wie Marro oder Ferri, die Schrullehat, ihnen Jahre lang nachzugehen. Seine Verbrechergestalten machenmir den Eindruck von abgeblassten und fehlerhaften Photographien,die nach Ölbildern statt nach der Natur aufgenommen worden.

So weiss ich, der ich tausend und abertausend Verbrecherstudiert habe, nicht, Avie ich Roubeaud klassificieren soll, der, eintüchtiger Beamter, ein guter Ehegatte, durch Zufall und nicht ein-mal vollständig hinter das Geheimnis einiger Liebeleien kommt, dieseine Frau vor der Ehe mit einem vielvermögenden lieamten gehabthat, und der sich nun auf seine Erau stürzt, um sie zu töten, sichdann aber entschliesst, den Pseudo-Ehebrecher unter Beihilfe seinesWeibes zu ermorden; und dies alles stets mit demselben Messer,das sie ihm einst geschenkt hatte.

Die eigentliche bete humaine, Jaques Lantier, der geboreneVerbrecher, hat einige anatomische Merkmale eines solchen, be-sonders in dem massigen Unterkiefer, zudem ist seine verbrecherischeNeigung durch erbliche Belastung motiviert; auch ist die Mordgiernur allzu wahr, die bei ihm an Stelle der Liebesleidenschaft tritt,und die jedesmal bei ihm erwacht, sobald er das frische Fleischeines jungen Mädchens sieht. Der technische Irrtum des Autorsbesteht nun darin, dass diese Unglücklichen einzig und allein in derTötung des Weibes und auf keine andere Art geschlechtliche Be-friedigung finden; Zolas Held dagegen empfindet wenigstens mitSeverine, jenem Weibe, das er tötet, völlige Befriedigung und zwarwährend eines langen Zeitraumes. Nun schliesst aber gewöhnlichdas eine das andere aus; so verhält es sich wenigstens in den Fällen,die mir vor Augen kamen 1 ) und in denen, die Krafft-Ebing be-schrieben hat.

Auch jene eigentümliche Art von Schwindel und epileptischerAmnesie, die der Autor Jaques Lantier zwei oder dreimal erleidenlässt, ist sehr wahr und geradezu den neuesten Forschungen gemässerfunden.

Er starrte auf die halbnackt auf dem Bett liegende Severine,als ob er sie nicht erkenne; dieses Bild schwebte ihm sogar vorAugen, wenn er die Lokomotive führte; so erwachte er eines Tageswie aus einem Traume, gerade in dem Augenblick, als er mit vollemDampf und ohne auf die Signale zu achten, eine Station passierte.

Eines Tages fühlte er, wie er so stark von der Wut zu ver-wunden gepackt wurde, dass er wie ein Betrunkener aus dem Bettesprang, und da glaubte er umzusinken (Schwindel), und das ganzeZimmer schien ihm von einem roten Nebel erfüllt, und nachdemer das Zimmer verlassen, war es nicht mehr er selbst, der sich

*) Lombroso, Amore nei pazzi. Delitti di libidine, 2. Aufl.