XVI. Kapitel.
Der Verbrechertyp üs in der Litteratur.
Ich habe mich oft gefragt, warum die Kriminalanthropologiein der Litteratur mehr geleistet hat als in der Wissenschaft.
Die grossen russischen, skandinavischen und französischenMeister des Romans und des modernen Dramas haben hier alle ihregrössten Anregungen geschöpft, von Balzac mit seinem Dernieresincarnations de Vautrin, Les paysans, Les parents pauvres ange-fangen, bis zu Daudet, Zola, Dostojewski und Ibsen.
Daudet hat uns in seinem Jack ciuen ganzen Stamm vonrates (verpfuschten Existenzen) gezeichnet, und kein Mensch fandetwas daran auszusetzen; Avie kein Mensch jemals an der Lebens-wahrheit der Erzählungen ,,Aus einem Totenhause" oder des Eas-kolnikow von Dostoj ewsky, oder der wundervollen Waknsinnigen-und Verbrechergestalten eines Shakespeare gezweifelt hat.
Niemand zweifelt an der Wahrheit des Zolaschen Jacquesoder der Soeur Elise von Gonconrt, während sich heute nochIrrenärzte in ihre ganze akademisch steife und gravitätische Unnah-barkeit hüllen, wenn man von der Analogie zwischen dem Epilep-tiker und dem geboi - enen Verbrecher spricht.
Das kommt daher, weil von diesen Gestalten, die die grossenKünstler in ihrer ganzen Wahrheit vor uns aufleuchten lassen, dasWahrheitsgefühl, das in uns allen schlummert — wie sehr es auchvom Wirrwarr der Schule verblendet und eingeschläfert sei — er-wacht und sich gegen die konventionellen Lügen, die uns vorge-predigt werden, um so leichter auflehnt, als die Kunst ihren Stoffverschönert und manchmal die Konturen der Wahrheit ins Grandioseausdehnt und dadurch nur augenfälliger macht, sodass wir sie mitviel geringerem Kraftaufwand in uns aufnehmen können.
So verhält es sich auch mit Ibsens Gespenstern.