Druckschrift 
Neue Fortschritte in den Verbrecherstudien
Entstehung
Seite
305
Einzelbild herunterladen
 

305

Aber die Scenen aus denErinnerungen aus einem Toten-hause" dienen der Kriminalanthropologie nicht nur zum Beweis,sondern liefern selber neues und wertvolles Material für diese"Wissenschaft. Sehen wir z. B. folgendes:

Religion. Ganz ausserordentliche Achtung und Verehrungempfanden alle für das Weihnachtsfest. Alle schienen ungemeinbeschäftigt, obgleich sie eigentlich nichts zu thun hatten, sogar die-jenigen, welche sichihren guten Tag machten", bewahrten eineernste Haltung; alles Lachen war verpönt. Keiner würde auchnur unfreiwillig die allgemeine Ruhe gestört oder die Ehrfurchtvor dem Feste verletzt haben, das sie auch in ihren eigenen Augenmit - der übrigen Welt verband.

Manche erfüllten ihre religiösen Pflichten; indessen meist nurdie älteren, die jungen nicht; diese machten am Morgen der Fest-tage höchstens das Zeichen des Kreuzes. Zu Ostern beteten alleSträflinge mit grosser Inbrunst; alle opferten eine kleine Münzeoder eine "Wachskerze für die Kirche. All dies beweist, wiewenig man von eigentlicher Irreligiosität bei den Verbrechernreden darf.

Tiere. Sie zeigten leidenschaftliche Zuneigung zu Tieren."Wenn sie gekonnt hätten, würden sie die Gefängnisse mit Vögelnund allen möglichen Tieren bevölkert haben.

Die ZiegeWaske" wurde von allen so sehr verehrt, dassman ernstlich in Erwägung zog, ihr die Hörner zu vergolden.

Müssiggang. Sie würden nie anders als durch Androhungvon Stockschlägen gearbeitet haben.

Habgier. Der Sträfling ist sehr aufs Geld versessen, wirftes aber zum Fenster hinaus, um sich ein Trugbild der Freiheit zuverschaffen, um durch sein Rauchen und Trinken glauben zu machen,dass sie ihm nahe sei. Doch schätzen sie den Reichtum nicht all-zusehr, und ich habe keinen gekannt, der sich für Geld vor einemandern gedemütigt hätte. Sie bettelten die Reichen an, aber mehrzum Spass, als um wirklich Geld zu bekommen.

Meteorologische Einflüsse. Der April war gekommen: nunsehnt man sich wieder mehr nach der Freiheit; an den hellen Tagensind die Sträflinge unruhiger, aufgeregter, es kommen mehr Streite-reien vor. In der warmen Jahreszeit, wenn man im innersten Herzenfühlt, wie die Natur mit aller Kraft wieder aufzuleben beginnt, er-trägt man die Gefangenschaft schwerer.

Wahnsinn. Der Sträfling ist bis zu einem gewissen Gradeunterwürfig. Sehr merkwürdig sind seine Ausbrüche, wenn er sicheinmal der Disciplin widersetzt. Jahrelang erträgt er die grausamstenQualen und revoltiert um ein Nichts; die Kerle scheinen beinaheverrückt zu sein.

T; o mbT oso , Verbroclierstudien. 20