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ihn stets sorglos gesehen. Er war der unvorsichtigste und unbe-sonnenste Mensch, den ich jemals kennen gelernt, obgleich er nichtsweniger als dumm war. Ich habe niemals eine aussergewöhnlicheGrausamkeit an ihm wahrgenommen. Die anderen Sträflinge ver-achteten ihn. aber nicht etwa seines Verbrechens wegen, sonderniveil er die konventionelle Haltung nicht zu wahren ivusste. Manch-mal sprach er von seinem Vater. So rühmte er sich z. B. einesTages, dass in seiner Familie eine kräftige Körperbeschaffenheiterblich sei und meinte dann: Wissen Sie, dass mein Vater bis zuseinem Tode niemals krank gewesen ist. Eine so weit getriebene,fast tierische TJnempfindlichkeit muss ganz undenkbar erscheinen:sie ist allzu phänomenal. Es muss sich hier um irgend einen orga-nischen Fehler, um eine bis jetzt der Wissenschaft unbekanntephysische und moralische Monstruosität, nicht nur um ein einfachesVerbrechen handeln. Ich konnte an eine so scheussliche Unthatnicht glauben, aber die Sache wurde mir von Personen erzählt, dieaus seiner Gegend stammten und alle Einzelheiten seiner Geschichtekannten. Die Thatsachen lagen so klar, dass es Thorheit gewesenwäre, daran zu zweifeln. Einmal hatten ihn die Sträflinge im Schlafeschreien hören: Halt' ihn! half ihn! Schneid' ihm den Kopf ab!den Kopf! den Kopf!"
„Fast alle Sträflinge pflegten laut zu träumen oder im Schlafewirres Zeug zu reden; meistens stiessen sie Schimpfworte aus,redeten in der Gaunersprache, oder sprachen von Messern, vonÄxten. Wir sind ein ausgemergelt Volk — pflegten sie zu sagen— wir haben kein Herz mehr in der Brust, drum müssen wirnachts schreien."
Diese Unfähigkeit, irgend welche Gewissensbisse oder Reuezu empfinden, und andererseits die Eitelkeit und die übertriebeneVorliebe für korrekte Haltung sind allen Beobachtern wohlbekannteCharakterzüge, und ich habe schon gezeigt, dass die Verbrechergerade dadurch den "Wilden ähneln. Aber es giebt noch andere,vielleicht noch augenfälligere Charakterzüge, die diese Ähnlichkeitnoch schärfer hervortreten lassen, und die auch den Kindern eigensind: „An den Festtagen putzten sich die Stutzer unter ihnen soprächtig heraus, als sie nur konnten; man musste sehen, wie sie dannin allen Kasernen herumstolzierten. Das Vergnügen an schönenKleidern grenzte bei ihnen stellenweise fast ans Kindische. Übrigensgleichen die Sträflinge in manchen Beziehungen grossen Kindern.Diese schönen Kleider verschwanden gewöhnlich sehr rasch wieder,da sie ihre Eigentümer manchmal noch am selben Tage, an dem siesie erstanden hatten, versetzten, oder für eine Bagatelle verkauften.Der Flitterkram tauchte übrigens zu ganz bestimmten Zeiten wiederauf, nämlich stets an den grossen Kirchenfesten oder am Namensfest