— 301 —
L Dostojewski. — Die Beschreibungen Do stoj eAvskis in..Aus einem Totenhause" sind so genau, dass sie uns als Gegenprobeund neue Bestätigung der anthropologischen Entdeckungen dienenkönnen, obgleich, oder vielmehr weil sie aus ganz anderer Quellestammen.
„In dieser sonderbaren Familie — schreibt er — herrschteein Zug ausgesprochenster Ähnlichkeit, die dem Neuling auf denersten Blick in die Augen fiel .... Alle Sträflinge waren traurig,missgünstig, furchtbar eitel, eingebildet, empfindlich und im höchstenGrade umständlich .... die Eitelkeit herrschte immer vor . .". .Nicht das geringste Zeichen von Scham oder Reue .... EinigeJahre hindurch sah ich nicht das geringste Zeichen von Kummer,nicht die allerkleinste Betrübnis über das begangene Verbrechen . . .Sicher waren dabei Eitelkeit, schlechtes Beispiel, Prahlerei — oderauch falsche Scham — stark im Spiele . . . Und doch hätte ichwährend so vieler Jahre wenigstens einmal ein Anzeichen, wennauch nur ein ganz flüchtiges irgend welcher Reue, irgend welchesmoralischen Schmerzes entdecken müssen. Ich konnte absolut nichtsderartiges bemerken .... Und doch, wie verschieden die Ansichtendarüber auch sein mögen, muss jeder Mensch zugeben, dass es Ver-brechen giebt, die überall und zu jeder Zeit, unter jeder Gesetzgebungunbestreitbar Vei'brechen sind und als solche betrachtet werden, so-lange der Mensch eben Mensch bleibt. Nirgends anders als imZuchthause habe ich mit kaum verhaltenem kindischen Lachen dieausserordentlichsten und schauderhaftesten Unthaten erzählen hören."
„Besonders einen Vatermörder werde ich nie vergessen, derein Edelmann und Beamter gewesen war. Er war eine eigentlicheKalamität für seinen Vater gewesen, der wahre verlorene Sohn.Umsonst bemühte sich der Alte, ihn durch seine Ermahnungen vondem Abgrund zurückzuhalten,, dem er entgegentaumelte. Er stakhis über die Ohren in Schulden; und da das Gerücht umging, seinVater hesitze ausser seinem Gut noch verstecktes Geld, so töteteer ihn, um die Erbschaft anzutreten. Das Verbrechen wurde erstnach' einem Monat entdeckt. Während dieser Zeit setzte derMörder, der sich noch die Mühe gegeben hatte, das Vorschwindenseines Vaters bei den Gerichten anzuzeigen, sein ausschweifendesLeben fort. Schliesslich fand die Polizei, während der Sohn ab-wesend war, den Leichnam des Alten in einem mit Brettern zu-gedeckten Abzugsgraben. Das graue Haupt war vom Rumpfe ge-trennt und an den völlig bekleideten Körper angelegt. Unter denKopf hatte der Mörder, wie zum Hohn, ein Kissen gelegt. Derjunge Mensch gestand nichts, dennoch wurde er seines Amtes undseines Adelstitels entkleidet und zu zwanzig Jahren Zwangsarbeitverurteilt. Die ganze Zeit und so lange ich ihn kannte, habe ich